Sie verkauft seit 20 Jahren ihren Körper

Rosie (56) - Zu Besuch bei einer reisenden Prostituierten

Warten auf den Freier: Rund um die Uhr bot Rosie ihren Körper in einer Wohnung im südlichen Schwalm-Eder-Kreis an. Sie hoffte auf bis zu sechs Kunden am Tag. Eine Woche war sie in der Region. Foto: dpa

Schwalmstadt. Die Zahl der Sexarbeiterinnen, die im Schwalm-Eder-Kreis ihre Dienste anbieten, ist nicht bekannt. Wir besuchten Rosie (56), eine reisende Prostituierte, die für eine Woche ihren Körper in einer Wohnung in einem Dorf im südlichen Landkreis verkaufte.

Schwalm-Eder. Hausnummer 23, auf dem Namensschild steht „Glück“. 1,57 Meter groß, Konfektionsgröße 40, ein blonder Pagenkopf. Sympathisch strahlen ihre blauen Augen. Deren Kranz feiner Fältchen erzählt Geschichten. „Nennen Sie mich Rosie“, stellt sie sich vor. Sie empfängt in ihrer Arbeitskleidung: durchsichtiges kurzes Negligé und schwarze Lack-High-Heels und ihr Job ist Sex.

Es ist ein 24-Stunden-Job, wird beim Rundgang durch die Wohnung schnell klar. Zwei Kunden täglich sind zu wenig, sechs hart an der Grenze, erzählt sie, und zeigt die beiden schlicht eingerichteten Schlafzimmer, Mittelpunkt ist jeweils ein französisches Bett. Im Wohnzimmer flimmert der Fernseher. Fürs Gespräch in der Küche bleibt die knappe Zeit zwischen zwei Kunden.

Preis und Leistung

Es klingelt. Rosie muss an die Tür. Ein spontaner Kunde. Im Flur wird knallhart verhandelt. Ihre Qualitäten, ihre Leistung und deren Preis. Zwei Minuten und der Mann ist wieder weg. Ihm gefiel nicht, was sie Hurenehre nennt: „Ich küsse nie“.

Dem Klischee einer Zwangsprostituierten enspricht die Südhessin nicht. Seit ihrer Scheidung vor 20 Jahren tingelt sie drei Monate im Jahr durch Deutschland. Vermarktet wird Rosie über eine Agentur: Reiseroute, einschließlich Werbung und Wohnungsanmietung.

Mittlere Reife, Ausbildung zur Medizinisch Technischen Assistentin, zwei Mal verheiratet, keine Kinder, skizziert sie kurz ihre Biografie, „und keiner weiß Bescheid“. Für Freunde und Bekannte ist sie als Vertreterin unterwegs. Die 56-Jährige arbeitet selbstbestimmt in dem Metier, aber dennoch nicht freiwillig. Ihren Zwang nennt sie Geld. Das zweite Gehalt ist dringend nötig. Es müssen schließlich auch Dinge „wie Winterreifen oder ein Urlaub mal sein“.

Aber auch mit dem Zusatzeinkommen muss kalkuliert werden. 50, maximal 150 Euro kann ein Gast bringen, das allerdings nur „bei mehrmaligem Entspannen“. In der Woche bleiben da oft nach Abzug von Miete und Werbung in Zeitungen und im Internet manchmal nicht mehr als 500 Euro - und „das ist schlecht“.

Die Kunden? Die sind zwischen 18 und 70, sagt Rosie, gelangweilte Ehemänner, häufig Durchreisende. Männer, die Rosies Beruf vergessen und mit ihr ihre Fantasien erleben wollen.

Die Zunft der echte Huren habe sie noch kennengelernt, sagt sie und beklagt inzwischen Tabubrüche bei den jungen Kolleginnen, überwiegend aus Osteuropa, die nicht nur die Tarife verderben, sondern für das schnelle Geld auch die Gesundheit gefährden: „Früher haben die Frauen entschieden, was sein darf; heute bieten sie alles, was die Männer wollen - und das für jeden Preis.“

Als Deutsche sieht sich Rosie im Sexgewerbe inzwischen fast als exklusiv an, wirbt deshalb auch bewusst mit einem deutschen Namen. 56 Jahre ist sie alt, ihren Kunden gegenüber gibt sie sich als 48 aus. Wie lange sie ihren Körper noch verkaufen will und auch kann, weiß sie nicht. Eine Bekannte arbeite noch mit 64. Solange es noch geht, sagt sie. „Und jetzt kann ich auch nicht mehr viel ändern an meiner Berufswahl.“ Eigentlich, meint sie, sei sie auch ganz zufrieden. „Ich komme rum in Deutschland und habe keine Schulden.“

Von Sylke Grede

Mehr lesen Sie in der gedruckten Samstagausgabe

Quelle: HNA

Kommentare