Zeitzeuge berichtet in Wolfhagen

Bewegende Erzählungen eines Holocaust-Überlebenden in Wolfhagen

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Eindrucksvoller Zeitzeuge: Dr. Werner Cohen (90) aus Baltimore/USA schilderte vor Wilhelm-Filchner-Schülern im Wolfhager Kino seine Erlebnisse rund um den Holocaust.

Wolfhagen. Er ist einer der letzten Überlebenden. Und seine Erzählungen über den Holocaust, die Ermordung seiner Eltern, seine Flucht und Erlebnisse vor, während und nach der Schreckenszeit des II. Weltkrieges, lassen einen erschaudern.

Er ist so etwas wie ein lebendes Mahnmal: Dr. Werner Cohen, geboren in Essen, wohnhaft in Baltimore/USA. Und er lässt zahlreiche Wilhel-Filchner-Schüler an seinen Erlebnissen teilhaben. Den Auftakt seines Besuchs bildete aber Vorführung des Films „Die Flucht der Kinder“ (von Heidi Sieker) im Wolfhager Kino, der beschreibt, wie etwa 9300 jüdische Kinder per Zug vor der Verfolgung durch die Nazis nach Großbritannien flüchten konnten. Organisiert wurde der Nachmittag von Dr. Bettina Leder-Hindemith vom hr und Ernst Klein vom Verein Rückblende - Gegen das Vergessen.

Sie zeichnen auch für die Ausstellung „Legalisierter Raub: Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945“ verantwortlich, die ab 17. Januar 2013 im Regionalmuseum Wolfhagen zu sehen ist.

Nach der Filmvorführung kamen die Schüler der Jahrgangsstufen 11/12/13 mit Cohen ins Gespräch. Der 90-Jährige sagte, dass er das erste Mal seit seiner Flucht deutsch spreche und beeindruckte nicht nur mit dieser Aussage. Gänsehautstimmung erzeugte seine Schilderung, wie eine junge Mutter unter Tränen ihre beiden Babys am Bahnhof in den Zug setzte und zurückbleiben musste - und somit dem Tode geweiht war. Auch sein Schicksal und die mehr als glücklichen Umstände, die dazu führten, dass er überlebte, bewegte die Schüler.

Ein Rauswurf am Essener Gymnasium war ein entscheidender Faktor, sein damaliger Direktor erinnerte sich an Cohen und sorgte dafür, das er einen der rettenden Züge besteigen konnte. Absolute Stille herrschte auch im Kinosaal, als Cohen davon spricht, wie seine spätere Frau Hilda Stern das Ghetto in Lodz und einen Todesmarsch von Polen nach Deutschland im Winter überlebte. Den Schülern riet der der Zeitzeuge, auch mit der eigenen Familie offen darüber zu sprechen, ob es dort Täter aus der dunklen Zeit gäbe.

Am Freitag wird die Stadt Wolfhagen einen der beiden letzten Holocaust-Überlebenden, Lutz Kann, ehren. An seinem ehemaligen Elternhaus in der Mittelstraße 6 wird eine Gedenktafel enthüllt. Beginn ist um 18.30 Uhr in der Kulturhalle, gegen 19 Uhr die Enthüllung. Bürgermeister Reinhard Schaake besuchte Kann an seinem 90. Geburtstag am 1. November in Berlin. Dort wurde eine Videobotschaft aufgezeichnet. (uli)

Von Nicolai Ulbrich

Videobotschaft von Lutz Kann an Jugendliche

Quelle: HNA

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