Die Arbeit mit Pferden erfordert viel Geschick - In Zennern kann man das lernen

Arbeit mit Pferden: Blindflug mit Baumstamm

Zennern. Ich blicke nach oben und fühle mich wie ein Zwerg. Zwei Meter vor mir ragt eine schwarze Wand empor – eine lebende. Die Kaltblutpferde Aimee und General sind so groß, dass ich mit meinen 1,75 Metern nicht über ihren Rücken schauen kann. Mit 850 Kilo wiegt jedes Tier so viel wie mein VW-Polo. Mein Herz pocht. Mit weichen Knien stehe ich hinter dem muskelbepackten Duo.

Aimee und General haben einen sehr seltenen Beruf: Sie sind Arbeitspferde. Gleich soll ich mit ihnen einen Baumstamm über eine Wiese in Zennern ziehen. Erlaubte Hilfsmittel: Meine Stimme und zwei dünne, raue Fahrleinen aus Hanf, um die sich nun meine Finger krampfen. Sie sind meine einzige direkte Verbindung zu den Pferden.

„Los gehts“, sagt Götz Döring, der mit Aimee und General Laien wie mir das Lastenziehen beibringt. Ich zupfe an den Leinen, um die mächtigen Tiere auf mich aufmerksam zu machen. „Schritt! Komm!“ rufe ich mit möglichst tiefer Stimme. Pferde mögen keine schrillen Geräusche, habe ich gelernt.

Aimee und General stemmen ihre suppentellergroßen Hufe in den Boden und ziehen langsam an. Einmal in Bewegung muss ich nur noch zwei riesige Pferde und einen langen Baumstamm durch den Parcours aus orangefarbenen Pylonen steuern. Gar nicht so einfach, wenn man nicht einmal über den Pferdehintern gucken kann. Ich schiele also zwischen den beiden Kaltblütern hindurch und hoffe, dass ich das erste Tor mittig treffe.

Shire Horses

Lenken für Fortgeschrittene

Es wird knapp, doch die Pylone bleibt stehen. Als Nächstes: eine Rechtskurve. „Pass auf, dass dir der Stamm nicht über die Füße rollt“, ruft Götz Döring warnend. Den Stamm hatte ich schon fast vergessen, schnell bringe ich meine Füße aus der Gefahrenzone und wünsche mir insgeheim ein Paar Schuhe mit Stahlkappen.

Bis in die 50er-Jahre waren Arbeitspferde die wichtigsten Partner des Menschen in der Landwirtschaft. Der Umgang mit ihnen war für viele selbstverständlich. Dann verdrängten Maschinen die kräftigen Tiere. Traktoren muss man nicht füttern, striegeln, misten, sie arbeiten schneller und mit mehr Kraft.

Vierbeiner oder Traktoren?

Traktoren lassen sich zudem leicht kontrollieren, Pferde nicht. Kaltblutstute Aimee tänzelt plötzlich nach rechts. Langsam schlurft General nebenher. Wir kommen vom Kurs ab und steuern auf einmal hart auf einen Apfelbaum zu. „Nimm sie kürzer, lass sie nicht rennen“, drängt Döring. Ich kämpfe mit den Leinen und rede beruhigend auf Aimee ein. Die Stute gehorcht, haarscharf umschiffen wir den Apfelbaum.

Trotzdem sind Pferde für einige Arbeiten besser geeignet als Traktoren, erklärt Döring: „Sie sind kein nostalgisches Hobby.“ Pferde sind umwelt- und klimafreundlich: Sie verdichten den Boden nicht so stark wie schwere Traktoren, beim Holzrücken schonen sie den Wald. Außerdem wächst ihr Futter nach und beim Verdauen produzieren Pferde wenig klimaschädliche (Ab-)Gase.

Voraussetzung für umweltschonende Pferdearbeit ist natürlich ein Fuhrmann, der seine Tiere präzise dirigieren kann. Ich dagegen habe mit meinem Gespann noch den Wendekreis eines Öltankers. Trotzdem manövriere ich Aimee und General problemlos durch das letzte Tor. „Haaalt!“ Die schwarze Wand steht wieder vor mir. Aber ich bin nicht mehr ganz so klein.

Von Friederike Szamborzki

Quelle: HNA

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