HNA-Interview: Karl-Wilhelm Lange wünscht seinem Nachfolger Durchhaltevermögen

Bloß keine Termine mehr

Nach 18 Jahren endet am 30. April offiziell die Amtszeit von Karl-Wilhelm Lange als Bürgermeister von Fritzlar. Hat er der geschichtsträchtigen Stadt in den Jahren des Jahrtausendwechsels seinen Stempel aufgedrückt? Konnte er erreichen, was er sich vorgenommen hatte? In einem Gespräch mit der HNA zog er eine erste Bilanz.

Herr Lange, der Fußball elektrisiert zurzeit die Massen. Welches Team wird denn nun deutscher Meister, Dortmund oder Bayern?

Karl-Wilhelm Lange: Mit Fußball hab ich gar nichts am Hut, ich bin kein Fan. Ich habe bisher einfach zu wenig Zeit gehabt, mir solche Spiele öfter anzuschauen. Irgendwelche Sitzungen, irgendein Termin kamen immer dazwischen.

Haben Sie überhaupt Hobbys, mit denen sie Ihre Freizeit gestalten können?

Lange: Ich habe mal versucht, Golf zu spielen, weil ich dachte, das kann ich auch später mal machen, ein bisschen Sport im Freien. Aber dann kam ein Bandscheibenvorfall, da war’s damit auch aus.

Künftig werden sie viel Zeit haben als Ruheständler. Haben Sie keine Angst vor vielen leeren Tagen ohne Aufgabe?

Lange: Nein, nein, überhaupt nicht. Ich freue mich wirklich vor allem darauf, keine Termine mehr zu haben. Darum plane ich auch nichts für den Ruhestand. Auf jeden Fall will ich viel draußen sein, nach den zahllosen Stunden in irgendwelchen Sitzungs- und Amtszimmern.

Hätten Sie denn damals, im Jahr 1994 gedacht, dass Sie so lange im Amt bleiben würden?

Lange: Da bin ich ganz offen rangegangen, ohne genaue Vorstellung, wie lange ich das wohl bleibe. Wichtiger ist, dass man sieht, wie man seine eigenen Ideen im Laufe der Jahre auch umsetzen kann.

Sie waren 1994 der erste direkt von den Fritzlarer Bürgern gewählte Bürgermeister. Haben Sie sich diesem Votum verpflichtet gefühlt?

Lange: Ja, auf jeden Fall. Ich hatte eine Zeit lang ja auch eine Mehrheit aus SPD und Grünen im Parlament quasi gegen mich, das war nicht immer leicht. Aber ich finde es wichtig, langfristig zu denken und so zu handeln. Manchmal muss man Geduld haben, um seine Ziele zu erreichen.

Gibt es dafür ein Beispiel?

Lange: Nehmen Sie das Domstadtcenter: Mit den ersten Plänen ging es bereits 1996 los, großflächiger Einzelhandel war gewünscht. Das wäre im Außenbereich der Stadt schneller was geworden, aber wir wollten innenstadtnahe Lösungen. Es hat bis 2003 gedauert, aber dann konnte das Domstadtcenter eröffnet werden.

Was hat Fritzlar Ihnen zu verdanken, welchen Stempel haben Sie der Stadt aufgedrückt?

Lange: Die Stadt hat sich weiterentwickelt in den vergangenen 18 Jahren, ihr Erscheinungsbild verbessert. Sie ist heute attraktiv, für ältere Menschen ebenso wie für Jüngere und Familien. Es gibt eine lebendige Innenstadt, gute Freizeitangebote, Einkaufsmöglichkeiten, ausreichend Parkplätze. Das ist ein gutes Ergebnis.

Was würden Sie als Ihre persönlich beste Eigenschaft bezeichnen?

Lange: Dass ich die Dinge immer zu Ende gedacht, mir vorher überlegt habe, was dabei herauskommen soll, wenn ich etwas beginne. Man sollte sich erst ein Ziel setzen und es dann auch immer im Auge behalten.

Gibt es auch Misserfolge und Projekte, die nicht so liefen, wie Sie sich das vorgestellt haben?

Lange: Das sind eigentlich nur zwei: Ich wollte gerne eine Diskothek in Fritzlar ansiedeln, und es fehlt bis heute ein größeres Hotel. Für beides findet man aus unterschiedlichen Gründen bisher keine Investoren oder Betreiber.

Gibt es eine Fritzlarer Spezialität, etwas, das diese Stadt von anderen unterscheidet?

Lange: Wir haben nie die kommerziellen Aufgaben als Stadt übernommen, die Geschäftsleute viel besser können. Die Suche nach privaten Investoren hat sich immer bewährt. Andere Kommunen wollen häufig zuviel selbst anbieten, das ist meiner Meinung nach falsch.

Besonders an Fritzlar war auch die Bedeutung der katholischen Kirche, zumindest in der Vergangenheit. Spielen religiöse Gruppen und Konfessionen heute noch eine Rolle für die Politik?

Lange: Ich habe mich als Bürgermeister in der Funktion des Mittlers zwischen den Konfessionen gesehen. Die Kirchen sind darüber hinaus immer noch sehr wichtig in Fritzlar. Die Kindergärten beispielsweise sind überwiegend in kirchlicher Trägerschaft. Außerdem: Konkurrenz belebt das Geschäft. Alle Kirchen zeigen großes Engagement.

Wo sehen Sie Fritzlar in, sagen wir, 20 Jahren?

Lange: So wie es heute aussieht, hat Fritzlar große Chancen, der demografischen Entwicklung zu widerstehen, die Einwohner zu halten. Es gibt attraktiven Wohnraum für alle Generationen, die Anbindung an den Großraum Kassel ist sehr gut, das eigene Industriegebiet im Norden bietet qualifizierte Arbeitsplätze, nicht nur große Lagerhallen. Ich bin zuversichtlich, dass man den jetzigen Status zumindest halten kann.

Zum Schluss noch einen Tipp für Ihren Nachfolger Hartmut Spogat.

Lange: Er sollte weiter langfristig denken und benötigt ordentliches Durchhaltevermögen. Oft kommt man frustriert nach Hause, denn Lob gibt es viel weniger als Kritik und Probleme.

Von Ulrike Lange-Michael

Quelle: HNA

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