Ende der Wehrpflicht: Über einen unwiederbringlichen Musterungsbrauch

Mit Blumen an die Waffen

1938: Gemusterte aus Sebbeterode. Die Aufnahme entstand in Treysa, Ascheröder Straße.

Schwalm. Am 1. Juli wurde die Wehrpflicht ausgesetzt. Damit hat auch die Musterung ausgedient. Diese war, vor allem im ländlichen Bereich, Anlass für einen besonderen Brauch. Die jungen Männer legten einen aus Kunstblumen und Federn bestehenden Strauß an den Jackenaufschlag und ein farbiges Band um die Schulter. Manche trugen zusätzlich Sträußchen und Bändchen am Hut. So geschmückt zeigten sie sich mit Gesang in ihrem Heimatort. Wie Fotos belegen, war der Brauch auch im Altkreis Ziegenhain bekannt.

Sogar noch im Kriegsjahr 1942, als der Jahrgang 1925 in der damals neu gebauten Kreisberufsschule in Ziegenhain gemustert wurde, war der Brauch lebendig. In den Jahren zuvor fanden Musterungen in der Oberschule in Treysa statt.

Zeichen für die Werber

Mit Bändern fing es an: Im 18. Jahrhundert sollen die Soldatenwerber in England und Frankreich mit bunten Bändern am Hut aufgetreten sein, um besser auf sich aufmerksam zu machen. Der Geworbene bekam ein Band an seinen Hut zum Zeichen seines Einverständnisses.

1813 kauften im Elsass für Napoleons Armee ausgeloste deutsche Wehrpflichtige nicht nur bunte Bänder, sondern aus Trauer auch schwarze. Von Abschied und Trauer künden auch die Bänder in einem Lied von Wilhelm Hauff 1824: „Als ich zur Fahne fort gemüßt/ hat sie so herzlich mich geküßt/ mit Bändern meinen Hut geschmückt/ und weinend mich ans Herz gedrückt.“

Die erste Rekrutensträußchen kamen aus Sebnitz in Sachsen. Sie wurden dort um 1850 in Heimarbeit neben vielen anderen Kunstblumen hergestellt und gelangten bald auch nach Hessen. Anfangs vertrieb sie der Hausierhandel. Später wurden sie in Schreibwarenläden verkauft. Etwa 1890 war der Brauch deutschlandweit verbreitet. Fotos um 1905 zeigen besonders üppige Blumengebinde und breite, verzierte Bänder. Farbige Grußkarten aus dieser Zeit bestätigen den Brauch. Selbst im Kriegsjahr 1917 wollte eine Gruppe auf Schmuck und Stock mit Erinnerungsemblem nicht verzichten.

Als im April 1957 die ersten Wehrpflichtigen der Bundeswehr in die Kasernen einrückten, hatten auch sie eine Musterung hinter sich, diese aber wohl nicht gefeiert.

Jahre später verabschiedeten sich dann Wehrpflichtige nach Ableistung ihres Wehrdienstes mit Hut, Federbusch und Stock, erworben im Laden der Bundeswehrkantine, aus ihrer Garnison. So geschehen 1963 vor dem Bahnhof am Standort Treysa. Ob ihnen bekannt war, dass sie damit einen Reservistenbrauch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wiederbelebten, ist unklar.

Brauch ist vergessen

Der Musterungsbrauch ist mittlerweile in Vergessenheit geraten. Und öffentlicher Abschied von Wehrpflichtigen – wie etwa in Treysa 1963 – schon lange nicht mehr zu beobachten. Geblieben sind nur die Fotos vom soldatischen Brauch. (red)

• Die Informationen für dieses HNA-Geschichtsbuch hat Adolf Otto aus Sebbeterode gesammelt.

Quelle: HNA

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