Die Briefe sind noch alle da: Anna Sophie Hilgenberg wird hundert Jahre alt

Die Liebe ihres Lebens: Anna Sophie Hilgenberg mit ihrem ersten Ehemann Wilhelm Schleichert.

Fritzlar/Singlis. Anna Sophie Hilgenberg hat ein Kästchen mit den Briefen ihres ersten Mannes Wilhelm aufbewahrt. Er kehrte aus dem Krieg nie mehr heim. Doch die Erinnerung lebt bis heute. Am Donnerstag wird sie 100 Jahre alt. Eine außergewöhnliche Frau war sie schon immer, erinnert sich Tochter Renate Stehling.

Wenn in den vierziger Jahren fahrendes Volk bei ihr in Singlis an die Tür klopfte, hatte sie immer etwas zu essen und zu trinken übrig. Sie wusste, wie sich Armut anfühlt: 1943 hatte Anna Sophie Hilgenberg in der Bombennacht von Kassel Hab und Gut verloren und bat in Singlis mittellos und mit zwei Kindern an der Hand um Aufnahme.

Anna Sophie Krause war am 9. September 1910 in Kassel als jüngstes von sieben Geschwistern zur Welt gekommen. Sie arbeitete als Hausmädchen bei einer Pfarrerswitwe, weil ihre Eltern die Ausbildung zur Köchin nicht bezahlen konnten. Bei der Hochzeitsfeier ihrer Schwester verliebte sie sich in den jungen Wilhelm Schleichert. „Sie wird meine Frau“, hatte er gleich an diesem Abend gesagt. Und so kam es.

Nach der Hochzeit 1934 kamen drei Kinder zur Welt, eines starb kurz nach der Geburt. Dann zog Wilhelm in den Krieg – nach Russland und nach Polen. Er sah seine Familie nie wieder.

In Singlis lernte seine Witwe den Landwirtschaftsarbeiter und Witwer Johannes Hilgenberg kennen und heiratete 1948 erneut. Ihren Wilhelm vergaß sie nie, erzählt Tochter Renate Stehling.

Anna Sophie Hilgenberg arbeitete in den fünfziger Jahren als Zustellerin für die Vorläuferzeitung der HNA. Lesen, Gartenarbeit und die Beschäftigung mit den Kindern gehörten zu ihren Hobbies.

Seit dem vergangenen Jahr lebt die Senioren im St. Elisabethstift in Fritzlar. Vor einigen Wochen fiel sie in ein Zuckerkoma und ist noch nicht ansprechbar.

Die Hundertjährige hat sieben Enkelkindern, zwölf Urenkel und einen Ururenkel.

Quelle: HNA

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