Seit 50 Jahren pflegt eine Gruppe Merzhäuser die Stammtischkultur im „Schember“

Bruderschaft mit Sitzfleisch

Aus dem Familienalbum: Links eine Aufnahme von 1982, rechts ein Schnappschuss einer Vatertagstour ohne Datierung. Fotos:  privat

Merzhausen. Seit 50 Jahren treffen sich die Männer des Stammtisch Merzhausen Woche für Woche im Landgasthof Pfalzgraf. Jetzt feierte die rüstige Gruppe ihr Jubiläum – wie konnte es anders sein – am Stammtisch.

Der Ursprung liegt im Jahr 1964. Damals setzten sich zehn Merzhäuser nach der Übungsstunde des Gesangvereins erstmals im „Schember“ genanten Gasthof an den Tisch in der Ecke gegenüber der Theke. Und mit: „Heute ist Singstunde und danach Stammtisch!“, verabschieden sich dieselben Männer immer noch wöchentlich von ihren Frauen, sagt Werner Schuchhardt. Das jüngste Mitglied ist so etwas wie der informelle Vorsitzende der illustren Runde.

Zu den Gründungsmitgliedern vor 50 Jahren gehörten Johannes Maus, Hans Schneider, Georg Ide, Heinrich Jäckel, Wilhelm Lipphardt, Wilhelm Bätz, Johannes Riem, Horst Pfitzner, Heinrich Bechtel und Werner Schuchhardt, berichtet die Chronik des Stammtisches. Zwischenzeitlich gehörte auch Merzhausens Pfarrer Martin Bischoff dazu.

„Es wäre schön, wenn auch heute so manches Gespräch erst am Stammtisch geführt werden würde.“

Bürgermeister Vesper

1996 verstärkte der Hobbymaler Daniel Tietsch die Runde im Schember. Heute zählt der Stammtisch noch sieben Mitglieder.

Treueste Gäste

Wirtin Heidi Korell hatte sich anlässlich des Jubiläums einmal die Arbeit gemacht und ein paar Zahlen zusammengetragen, welche die Männerrunde durchaus überraschten: „Ihr seid mit Abstand die treuesten Gäste unseres Hauses und habt in 50 Jahren 78 750 Gläser Bier getrunken. Den Asbach nicht mitgerechnet.“ Auf dem sprichwörtlichen Bierdeckel des Stammtisches stehen bislang weit über 2200 Wirtshausbesuche.

Lipphardt war immer dabei

Mit „weißt Du noch damals?“ begannen am Freitag wohl die meisten Gespräche. Man schwelgte in Erinnerungen und gedachte der zu früh verstorbenen Stammtischbrüder, zum Beispiel des ehemaligen Kreisbrandinspektors Wilhelm Lipphardt und des Dirigenten Wilhelm Bätz. Manche Anekdote wurde erzählt.

Auf dem kleinen Dienstweg

Zu einem Stammtisch gehört natürlich auch Stammtischpolitik. Alle Stammtischbrüder waren und sind in Merzhäuser Vereinen aktiv und so konnte manches Problem im Dorf auf dem kleinen Dienstweg erledigt werden. Viele Nächte ging bei hitzigen Diskussionen am Stammtisch bis in die frühen Morgenstunden, erinnern sich die verbliebenen Männer.

Regelmäßig veranstaltet die fidele Truppe gemeinsame Fahrten, zuletzt ging es nach Sinnsheim. An die Moselfahrt 1988 erinnern sich die Stammtischbrüder bis heute gerne: „Eine Schwester von der Bahnhofsmission wollte nicht glauben, dass wir singen können. Da haben wir auf dem Bahnsteig „Lobet den Herren“ gesungen. Da war die baff“, gibt Werner Schuchhardt zum Besten.

Willingshausens Bürgermeister Heinrich Vesper lobte den sprichwörtlichen Merzhäuser Dorfverbund für seine große Ausdauer und bedauerte das Verschwinden der Stammtischkultur: „Stammtische sind etwas Kulturelles und haben Tradition. Es wäre schön, wenn auch heute so manches Gespräch erst am Stammtisch geführt werden würde.“

Von Matthias Haaß

Quelle: HNA

Kommentare