Buch über 1968: Es war ein radikaler Knall

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Johannes Grötecke und Thomas Schattner haben ein Buch über 1968 geschrieben

Schwalm-Eder. Die Weltrevolution, da waren sich Ende der 60er-Jahre viele sicher, würde kommen – aber ganz bestimmt nicht nach Nordhessen. Doch das Unvorstellbare geschah, die Ereignisse überschlugen sich – auch im Schwalm-Eder-Kreis.

Im Knüllwalder Beiserhaus und im Waberner Karlshof warb die Außerparlamentarische Opposition (APO) mit ihrer Heimkampagne um Mitstreiter. Ulrike Meinhof besuchte das Mädchen-Erziehungsheim Breitenau in Guxhagen. Die Revolution war nicht nur in der Provinz angekommen, sondern hatte dort auch Wurzeln geschlagen. 1968 wollten Schüler die Homberger Theodor-Heuss-Schule (THS) in John-Lennon-Schule umbenennen und Fächer wie „Liebestechniken“ und „sexuelle Revolution“ auf den Stundenplan stellen.

Die THS-Lehrer Johannes Grötecke aus Bad Wildungen und Thomas Schattner aus Wabern haben über diese Zeit ein Buch geschrieben. Für „Der Freiheit jüngstes Kind – 1968 in der Provinz“ begaben sie sich auf Spurensuche. Sie trugen Fotos, Dokumente, Gesprächsprotokolle zusammen, führten Interviews und zeichneten ein genaues Bild der jüngeren Lokalgeschichte. Die Erkenntnis, dass das Jahr 1968 eine Chiffre für den gesellschaftlichen Auf- und Umbruch war, ist nicht neu.

Aber es ist erstaunlich, welch große Rolle die Region spielte, die doch in jenen Jahren durch die deutsch-deutsche Mauer mit dem Rücken zur Wand stand. In Nordhessen kamen viele Faktoren zusammen. Da war die stark ausgeprägte nationalsozialistische Vergangenheit der Region, die geografische Isolation und auch Aufrührer und Anführer wie Dieter Bott und Hans-Peter Bernhardt sorgten für offenen Widerstand gegen Vietnam-Krieg, Rüstung, das Verdrängen der NS-Zeit und den Muff der Adenauerzeit. „Der Umbruch des Jahres 1968 fiel nicht vom Himmel“, sagt Johannes Grötecke.

Er sei der Versuch gewesen, die Gesellschaft mit friedlichen Mitteln zu verändern. Die waren allerdings alles andere als gewöhnlich: An der THS-Turnhalle, in „Freies Liebes-Center“ umbenannt, stand in Lettern: „Vögeln statt turnen“, Schüler riefen zu Widerstand und freier Liebe auf. Revolte und Hippies Die Recherche hat die Autoren fasziniert: „Es ist unglaublich, wie fleißige, artige Kinder vom Lande, die zuvor nie an eine solche Eruption gedacht hatten, in den Strudel der Geschichte gezogen wurden“, sagt Thomas Schattner. „Das alles hätte doch nie jemand für möglich gehalten.“ Das geht den Schülern der beiden THS-Lehrer noch immer so.

Die kennen Begriffe wie Flowerpower und Hippiezeit, sind aber bass erstaunt, wenn sie hören, wie die sich in Nordhessen auswirkte. Den Autoren ging es bei ihrer Arbeit nicht darum, das Jahr 1968 oder gar den späteren Terror der Roten Armee Fraktion zu mystifizieren. Ihr Anliegen sei es vielmehr, eine Art kritische Heimatgeschichte zu schreiben. Die Recherche führte die Autoren von einem Zeitzeugen zum nächsten. Bei den meisten rannten sie offene Türen ein, trafen überall auf große Gesprächsbereitschaft: „Alle hatten unglaubliche Geschichten zu erzählen“, sagen die Autoren. Das erste gemeinsame Buch ist fertig und das zweite wohl bald in Arbeit.

Vorstellung Johannes Grötecke und Thomas Schattner stellen am Mittwoch, 14. September, ab 19 Uhr ihr Buch „Der Freiheit jüngstes Kind – 1968 in der Provinz“  in der Aula der Theodor-Heuß-Schule vor und erzählen von ihren Recherche. Bei der Veranstaltung handele es sich nicht um eine Lesung, sondern um ein Gesprächsangebot. Der Eintritt ist frei. (bra)

Quelle: HNA

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