Mit Bürsten über die Dörfer

Helmut Porsche hat ein Buch über seine Kindheit in Schorbach geschrieben

Zusammenkunft im Wohnzimmer: Dieses Foto der Familie Porsche entstand im Dezember 1952.

Schorbach. Helmut Porsche war schon an einigen Orten auf der Welt zuhause: in Frankfurt, Berlin, in Niger, Westafrika, Freiburg, Lörrach. Und Schorbach: Hier lebte der heute 74-Jährige zehn Jahre lang von 1946 bis 1956.

Die Familie Porsche war geflohen. Helmut Porsche, die beiden Geschwister, die Eltern und die Großmutter verließen ihre Heimat Grünwald bei Gablonz. Als Vertriebene flüchteten sie über Prag, Nürnberg und Aschaffenburg. Ihre Flucht endete schließlich in Schorbach. Der kleine Ort zählte damals 350 Seelen, 250 Flüchtlinge nahmen die Schorbacher binnen kurzer Zeit auf.

Die Porsches wurden in der Dorfschule untergebracht. Der Ort wurde dem 74-Jährigen zur zweiten Heimat. Ein kleiner Raum war es nur, in dem die Familie mit einer älteren Frau zusammen wohnte, kochte, aß und schlief. Helmut Porsche besuchte die Dorfschule: „Unter den Schulkindern - den Einheimischen und den Flüchtlingen - gab es schon manchmal Spannungen“, erzählt er. Aber der Lehrer habe darauf geachtet, dass man sich stets wieder vertrug und einander die Hand gab.

Die Eltern arbeiteten bei umliegenden Bauern, um sich Essen zu verdienen. „Mein Vater war sehr geschickt. Er machte aus alten Dosen Siebe und verkaufte sie. Auch zog er mit einem Rucksack voller Seifen und Bürsten über die Dörfer, um etwas Geld heim zu bringen.“

Um die Unterkunft zu beheizen war nur ein Ofen vorhanden. Porsches mussten sich selbst um das Holzmachen kümmern.

„Im Winter waren die Scheiben einen Zentimeter dick mit Eis bedeckt - von innen. Wasser gab es nur im Keller. Abends wurden Ziegelsteine auf dem Ofen erhitzt und zu unseren Füßen gelegt“, erzählt der studierte Sozialarbeiter. Im Ort knüpften sich schnell Kontakte, die Kinder trafen sich zum Spielen im Freien. „Ein Mal war ich zu Pfingsten bei einem Schulfreund eingeladen, wo es Salat mit Schmandsoße gab - ich erinnere mich noch heute an den fantastischen Geschmack.“ 1950 lebten noch 100 Flüchtlinge in Schorbach, viele hatten den Ort wieder verlassen.

Auch Helmut Porsche begann 1956 eine Ausbildung zum Schlosser in Frankfurt. Danach studierte er in Berlin. 2006 veröffentlichte Helmut Porsche sein Buch „Ausflug in die Vergangenheit“, in dem er von seiner Reise nach Schorbach erzählt.

„Wir hatten eine Agfa clack, so dass ich aus dieser Zeit viele Fotos habe.“ Vor neun Jahren realisierte er zudem eine Fotoausstellung in Schorbach.

Bis heute pflegt Helmut Porsche den Kontakt zu Schulkameraden, auch zum einstigen Lehrer. „Was heißt schon zuhause? Sind wir nicht überall dort zuhause, wo wir uns wohl und zuhause fühlen?“, schreibt Porsche in seinem Buch. Schorbach ist für ihn zur Heimat seiner Kindheit geworden. Nicht zuletzt durch die Menschen, denen Helmut Porsche auf seinem Weg begegnet ist. (zsr)

Quelle: HNA

Kommentare