"Lebewohl" tut immer weh: Wie ein Offizier den Afghanistan-Einsatz erlebt

Wolfhager Land/Kabul. Oberstleutnant Andreas Schmand aus dem Altkreis Wolfhagen ist bis September im Hauptquartier der NATO/ISAF in Kabul/Afghanistan eingesetzt.

Zu den Aufgaben seiner Abteilung zählen: die Versorgung der ISAF-Truppen, die Rückverlegung von Soldaten und die Übergabe von NATO-Infrastruktur an die afghanischen Streitkräfte. Er berichtet in loser Folge über seine Erlebnisse.

"Zunächst muss man sagen, dass wir als Bundeswehr-Soldaten gut für unsere Einsätze vorbereitet werden. Besonders im Bereich der Ausbildung zur Interkulturellen Kompetenz hat sich viel getan. Wir wollen in unseren Einsätzen nicht als Besatzer auftreten, sondern die Herzen und Unterstützung der Bevölkerung gewinnen. Aufgrund der intensiven Vorausbildung verlegt man grundsätzlich mit einem guten Gefühl in das Einsatzland – militärisch betrachtet.

Aus persönlicher Sicht sieht das allerdings etwas anders aus. Auch nach mehreren Einsätzen ist es immer wieder schwer, der Familie „Lebewohl“ zu sagen. Selbst im Alter von 50 Jahren tut es weh, Frau und Kinder am Flughafen noch mal in den Arm zu nehmen und dann in den Flieger zu steigen. Auf dem Flug von Köln/Bonn über Termez/Usbekistan nach Afghanistan hat man dann noch Zeit zu philosophieren. Weil die Gedanken des Abschieds so schwer sind, nimmt man sich dabei schon vor, Dinge in Zukunft besser zu machen und mehr Zeit der Familie und Freunden zu widmen, wenn man gesund wieder nach Hause kommt.

Mit der Landung in Termez geht dann alles ganz schnell. Die ersten intensiven Eindrücke waren geprägt durch:

• Verlegung über Mazar-e-Sharif nach Kabul,
• Empfang der persönlichen Ausrüstung wie Schutzweste, Waffen, Munition und mehr,
• Übergabe der Dienstgeschäfte durch den Vorgänger,
• englischsprachiges Umfeld, Temperaturen um die 40 Grad und eine Höhe von fast 2000 Metern. Anschläge Man kommt in den ersten Tagen nicht viel zum Nachdenken, weil der Dienstbetrieb übergangslos funktionieren muss.

In den ersten zwei Wochen haben wir in Kabul drei große Bombenanschläge der Taliban gehabt. Zusammen mit den Eindrücken der jeden Sonntag stattfindenden Zeremonie für die in der vergangenen Woche gefallenen Soldaten kommen da schon mal Zweifel am Erfolg der Mission auf. Aber trotz der Rückschläge muss man sagen, dass wir ISAF-Soldaten den Afghanen auf jeden Fall zwei Dinge geben: erstens Hoffnung, und zweitens eine Chance. Sie müssen allerdings jetzt in der Phase der Übergabe der Verantwortung zeigen, dass sie selbst gestalten und anpacken wollen.

Vom Krieg haben die meisten Afghanen auf jeden Fall die Nase voll. Ich wünsche es vor allem den Kindern und Frauen, dass sie eine friedvollere Zukunft haben und wir mit unserem Einsatz hoffentlich dazu beitragen können. Nach der Übergabe der Verantwortung wird es für die Taliban deutlich schwerer, ihren Kampf zu legitimieren, denn sie müssen nun gegen ihre eigenen Brüder und Landsleute kämpfen. Probleme mit Mentalität Trotz der Ausbildung im Bereich der interkulturellen Kompetenz und dem Studieren einschlägiger Literatur, fällt es mir momentan noch schwer, die afghanische Mentalität zu verstehen. Ich hoffe, dass ich hier in der nächsten Zeit Fortschritte machen werde."

Quelle: HNA

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