Verletzte Rentnerin: Chirurg übersah Bruch - Keine stationäre Aufnahme

Der Vergleich: Marianne Schröder und ihre Enkelin Susanne Bolz stellen die Diagnose aus dem Klinikum Kassel mit der, die in Ziegenhain gestellt wurde, gegenüber. Sie sehen Versäumnisse bei Asklepios. Foto: Ludwig

Ziegenhain. Ihr Sturz liegt zwei Monate zurück, aber was danach folgte, lässt die 79-jährige Marianne Schröder noch immer nicht los. In der Ziegenhainer Asklepios-Klinik wurde bei der Rentnerin ein Bruch der Augenhöhle nicht diagnostiziert. Möglicherweise lag sogar ein Schädelbasisbruch vor.

Und: Obwohl sie darum bat, wurde der Frau die stationäre Aufnahme verwehrt. Nach einer quälenden Nacht zuhause wurde sie am nächsten Tag ins Klinikum Kassel eingeliefert, wo die Verletzungen festgestellt wurden. Zehn Tage blieb sie zur Behandlung und Beobachtung.

Die Frau aus dem Homberger Stadtteil Caßdorf hatte am 8. Februar auf ihrem Hof das Gleichgewicht verloren und war mit Armen und Kopf auf das Pflaster geschlagen. „Ihr Gesicht war schwarz vor Blutergüssen. Ihr Auge wurde dick und sie blutete aus der Nase“, sagte Enkelin Susanne Bolz.

Ein Krankenwagen brachte die Caßdorferin ins Ziegenhainer Krankenhaus. Der Notarzt habe ihr auf dem Weg dahin gesagt, sie solle damit rechnen, dass sie einige Tage dort bleiben müsse. In der Klinik angekommen, wurde sie untersucht und geröngt. Ein Bruch des Unterarmes wurde diagnostiziert, sie bekam einen Gips. Weil sie sich unsicher gefühlt habe, fragte die Seniorin, ob sie ein bis zwei Nächte in der Klinik bleiben könne - tagsüber sei sie alleine zuhause. Der Arzt habe geantwortete, sie sei kein Fall für eine stationäre Aufnahme. „Ich war benommen und aufgeregt, mir war nicht nach Widerworten“, sagte Schröder.

Wieder zuhause wurde der 79-Jährigen übel. In der Nacht musste sie sich mehrfach übergeben - auch Blut habe sie gebrochen. „Ich hatte Angst, am nächsten Morgen in ihr Schlafzimmer zu gehen“, sagt die Enkelin.

Gleich am Morgen brachte sie ihre Oma zum Hausarzt. Dr. Bernd Wiegand war empört über das Vorgehen des Asklepios-Arztes. „Das ist eine Sauerei. Ich kann noch verstehen, dass im ersten Schritt nicht alle Verletzungen überblickt werden konnten, aber der Arzt hätte sie zumindest zur Beobachtung dabehalten müssen.“ Der behandelte Bruch am Arm sei gegenüber den Verletzungen am Kopf unwesentlich gewesen.

Diese Einschätzung teilt ein weiterer Chirurg aus dem Landkreis, der anonym bleiben möchte. Ein Sturz auf den Kopf bedürfe in jedem Fall - gerade angesichts des Alters der Frau - einer längeren Beobachtung. Symptome seien oft nicht sofort sichtbar.

„Durch die Augenhöhlenfraktur hätte meine Patientin ihr Augenlicht verlieren können“, sagt Dr. Wiegand. Der Hausarzt wies die Rentnerin sofort ins Klinikum Kassel ein.

In Kassel stellten die Ärzte neben einer Platzwunde und einer Rippenprellung die Augenhöhlenfraktur fest. Auf den Röntgenbildern des Schädels entdeckten sie zudem eine feine Linie. „Dies deutet auf einen Schädelbasisbruch hin - zweifelsfrei konnte das aber nicht geklärt werden“, sagte Klinikumssprecherin Gisa Stämm. Auch um dies zu überwachen sei Marianne Schröder einige Tage stationär versorgt worden. (bal)

Das sagt Asklepios: „Patientin wurde gründlich untersucht“

„Für uns steht außer Frage, dass die Patientin [...] gründlich untersucht und angemessen behandelt wurde. Die Dame war zum Zeitpunkt ihrer Einlieferung per Rettungswagen [...] gut orientiert und ansprechbar. Sie hatte keine Kopfschmerzen, keine Übelkeit und hatte nach dem Sturz nicht erbrochen.

Der untersuchende Mediziner [...] beschreibt die Reaktion der Pupillen als normal, ein neurologisches Defizit wurde nicht festgestellt. Das Auge war nicht verletzt. Der Brustkorb, der Schädel und das rechte Handgelenk wurden [...] geröntgt, dabei wurden keine Auffälligkeiten in Bezug auf den Schädel oder die Augenhöhle festgestellt. Ein Schädelbasisbruch [...] kann – auch beim nochmaligen Betrachten der Röntgenbilder – mit Sicherheit ausgeschlossen werden. (Anm. der Redaktion: Das Klinikum Kassel konnte einen Schädelbasisbruch auf Basis von CT-Bildern weder zweifelsfrei ausschließen noch bestätigen – man habe die Frau deshalb beobachtet)

Die Patientin wurde demnach vom Facharzt nach bestem Wissen und Gewissen ambulant versorgt und ihr wurde auch ausdrücklich angeboten, sich bei Beschwerden wieder in der Klinik vorzustellen. Ein stationärer Aufenthalt erschien [...] nicht notwendig. Auch eine mit einer erhöhten Strahlenbelastung verbundene CT-Untersuchung (Computertomographie) war aus Sicht des behandelnden Facharztes [...] nicht erforderlich. Die Patientin hat die Klinik in einem stabilen Zustand und in Begleitung einer ihr vertrauten Person verlassen. Dass sie der Empfehlung des behandelnden Arztes unserer Klinik nicht gefolgt ist, sich bei einer Verschlechterung des Zustandes beziehungsweie bei auftretenden Beschwerden wieder in der Klinik vorzustellen, ist bedauerlich, aber unserer Klinik nicht anzulasten.“

Chirurg spricht über Missstände

Ein Chirurg aus dem Schwalm-Eder-Kreis beobachtet die Entwicklungen im Gesundheitssystem kritisch. Er sprach mit der HNA über seine langjährige Praxiserfahrung. Seinen Namen möchte er in der Zeitung lieber nicht lesen:

„Ein Gesundheitswesen, das auf Geldgewinn setzt, ist fatal“, sagt der Mediziner. Die gute Infrastruktur im Landkreis sei durch die Privatisierung zerstört worden. Dies bedeute heute weitere Wege für die Patienten. Gerade ältere Patienten seien die Leidtragenden. Noch vor einigen Jahren sei es kein Problem gewesen, einen Patienten zunächst aufzunehmen und dann in Ruhe die auftretenden Symptome abzuklären. Die Ärzte in den Kliniken stünden heute aber zunehmend unter Druck. Sie würden von Schreibtischtätern überprüft, die wenig Ahnung von der Praxis hätten.

Die Sorge davor, dass eine stationäre Aufnahme eines Patienten möglicherweise im Nachhinein durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen moniert wird, beeinflusse die Ärzte bei der Bewertung ihrer Fälle. (bal)

Quelle: HNA

Kommentare