Nostalgisches Reiseerlebnis auf der Kleinbahnstrecke mit dem Hessencourrier

Dampf und Donnerbüchse

Reisen wie zu Kaisers Zeiten: Im Waggon sitzen die Fahrgäste auf original Holzbänken. Und: Hier werden Fahrkarten noch gelocht, nicht gestempelt. Schaffner Lothar Siebert ist in seinem Element. Foto:  zhf

Naumburg. Der Schaffner winkt, ein lauter Pfiff ertönt. Lok 52 4544 setzt sich mit markerschütterndem Signal und viel Rauch in Bewegung. Es zischt und dampft. Lothar Siebert hat den Aufsprung noch geschafft. „Die Fahrscheine bitte“, ruft er quer durch den Salonwagen des Hessencourriers.

Siebert ist in seinem Element, hier fühlt er sich zuhause. Klick! Schon ist es gelocht, das Billet aus dicker Pappe. In schmucker Uniform, dunkelblau mit roten Verzierungen, rückt er seine alte Schaffnerkappe zurecht, locht immer und immer wieder die originalgetreuen Fahrscheine der Ausflügler, die vom Naumburger Bahnhofsfest zurück nach Kassel fahren.

Viele sind es, die am Sonntag eine nostalgische Reise in längst vergangene Zeiten antreten.

Eisenbahnfreunde aus nah und fern, viele Familien, Opas mit ihren Enkeln. Gestandene Männer werden plötzlich wieder zu kleinen Jungen, wenn sie den Kopf durchs runter gezogene Fenster raus in den Fahrtwind strecken und den Duft des Dampfes einatmen, der so eindringlich an alte Zeiten erinnert.

Drei Tonnen Köhle

Für den sorgt Wolfgang Rausch, einer der Heizer im Hessecourrier-Team. Tapfer schippt er Kohleberge ins lodernde Feuer der 1945 erbauten Lokomotive, am Sonntag allein an die drei Tonnen. Hieraus zieht die altehrwürdige Maschine all ihre Kraft, der Tacho zeigt 40 Stundenkilometer.

Lokführer Gerhard Brümmer widmet seine ganze Aufmerksamkeit unzähligen Anzeigen, Rädern und Knöpfen. Harte Arbeit, was die Fahrgäste nur erahnen können, während sie die Fahrt ruckelnd auf ihren harten Bänken genießen.

Ofen in den Mitte

Vier der acht Waggons sind Originale der Kassel-Naumburger Eisenbahn, die einst Arbeiter nach Kassel brachte. Auch der mit Ofen in der Mitte, einst verantwortlich für kuschelige Fahrten in den Wintermonaten. Auch ein preußischer Abteilwagen ist dabei, ein Waggon der Einheitsbauart ebenfalls, die sogenannte Donnerbüchse.

Das stille Örtchen heißt hier noch „Abort“ und sorgt mit direkter Sicht auf die unter dem Zug dahin rasende Bahnstrecke vor allem bei den kleinen Eisenbahnfans für Verwunderung. Doch die Toilette funktioniert, keine moderne Technik, die versagen könnte.

Begeisterte Passagiere

Dass alles so gut in Schuss ist, dafür sorgen die Mitglieder des Vereins Arbeitskreis historischer Zug Kassel. „Wir investieren jede Menge Freizeit, arbeiten ehrenamtlich“, sagt Philipp Donth. „Das ist auf Dauer nur durchzuhalten, wenn wir als Lohn an öffentlichen Fahrtagen in die vielen begeisterten Gesichter der Fahrgäste blicken können.“

Auch Schaffner Lothar Sieberts Augen strahlen bei der Ankunft im Kasseler Heimatbahnhof. Die Pfeife muss er nun nicht mehr betätigen, winken aber schon. Zum Abschied.

Von Sascha Hoffmann

Quelle: HNA

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