„Das Teilen nicht verlernt“: Bischöfe Hein und Algermissen zum Martinstag

Wolfhager Land. Am heutigen 11. November wird der Tag des Heiligen Martin von Tours gefeiert. Wir haben mit zwei Bischöfen über den Martinstag gesprochen.

Kinder ziehen mit ihren Laternen durch die Straßen, oftmals begleitet von einem Reiter, der einen Mantel trägt. In der Geschichte des St. Martin teilt dieser seinen Mantel mit einem frierenden Bettler. Wir haben mit dem Bischof der evangelischen Kirche von Kurhessen, Prof. Martin Hein, und mit dem katholischen Bischof des Bistums Fulda, Heinz Josef Algermissen, über das Helfen und Teilen gesprochen.

In der Geschichte um den Heiligen Martin von Tours geht es ums Helfen und Teilen. Haben wir das Teilen verlernt? 

Bischof Prof. Martin Hein. Fotos: privat/nh

Bischof Hein: Die große Bereitschaft, den Flüchtenden zu helfen, das enorme Spendenaufkommen in Deutschland, die Tafeln, die Kleiderläden (...) ich könnte viele Beispiele nennen, dass das im Großen und Ganzen nicht so ist. Außerdem leben wir in einem Sozialstaat: Wir teilen über unsere Steuern und Abgaben im großen Stil, das wird oft übersehen. Mag sein, dass die hohe Versorgungsleistung des Sozialstaates im persönlichen Bereich die Bereitschaft zum Teilen etwas abgesenkt hat. Ich persönlich glaube das aber nicht. Sie ist eher gestiegen.

Bischof Algermissen: Wenn ich mir die Ergebnisse der großen Kollekten und die Hilfsbereitschaft der Menschen in unseren Gemeinden vergegenwärtige, kann ich feststellen: Keinesfalls haben wir das Teilen verlernt. Die Menschen wollen nur wissen, wohin konkret und mit welchem Ziel ihre Hilfe geht.

Teilen macht glücklich, heißt es. Und Geben ist seliger denn Nehmen. Haben Sie eine ganz persönliche Erfahrung damit gemacht? 

Bischof Hein: Meine Erfahrung ist, dass das Teilen umso so glücklicher macht, je mehr es im Nahbereich von Mensch zu Mensch geschieht. Dann erlebt man ganz unmittelbar Gemeinschaft. Aber meine Erfahrung ist auch, dass Teilen einen Wert in sich hat. Man tut einfach das Richtige.

Bischof Algermissen:  Diese Erfahrung mache ich immer wieder: Wenn ich einem Menschen helfen konnte, wenn ich mit ihm kostbare Zeit und Vertrauen teilen konnte, macht mich das glücklich. Auch, wenn ich in finanzieller Not hilfreich sein konnte.

Was teilt die Kirche mit anderen? 

Bischof Heinz-Josef Algermissen.

Bischof Hein: So gut wie alle unsere Dienste, die wir anbieten, werden aus Kirchensteuermitteln, Drittmitteln und Spendengeldern finanziert und sind nicht auf Gewinn ausgelegt. Das fließt direkt zurück in die Gesellschaft. Viel wichtiger aber noch ist das hohe ehrenamtliche Engagement von fast 40 000 Menschen in unserer Kirche. Ganz konkret müsste man vor Ort schauen, was jeweils geschieht: Es ist viel und wird, weil es im Verborgenen geschieht, oft nicht recht wahrgenommen. Manchmal ist aber gerade das auch gut so. Jesus sagt: Die rechte Hand soll nicht wissen, was die linke Hand tut.

Bischof Algermissen: Die Kirche ist eine Gemeinschaft von gläubigen Menschen, die die Botschaft Jesu umzusetzen versuchen: „Was ihr für einen/eine meiner geringsten Brüder/Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Und so kann man über all die Jahrhunderte der Kirchengeschichte ein andauerndes Hilfsprogramm für notleidende Menschen erkennen, das einen konkreten Namen hat: „Caritas“. Eine Kirche, die nicht teilt, ist nicht die Kirche Jesu Christi.

Wie kann jeder einzelne in der jetzigen Situation mit vielen Menschen, die Zuflucht in Deutschland suchen, helfen? Was kann jeder einzelne teilen? 

Bischof Hein: Geld, Kleidung, Hausrat, Raum, Zeit (...) Auch hier muss man schauen, was vor Ort gebraucht wird. Die Kirchengemeinden und Kommunen können weiterhelfen, wenn sich jemand engagieren möchte. Wichtig wird dabei die langfristige und nachhaltige Unterstützung. Diese Aufgabe wird uns noch für Jahre beschäftigen.

Bischof Algermissen:  Angesichts der vielen Menschen, die in unserem Land Zuflucht suchen, werden sich für uns alle Konsequenzen ergeben müssen. So zu tun, als ginge alles weiter wie bisher, ist eine unverantwortliche Illusion. Im Blick auf die Not, die sich vor uns aufbaut, werden wir eine neue Qualität des Teilens lernen müssen. Und wir werden hingewiesen auf die Gründe für diese Völkerwanderung in den Ländern, die verlassen werden. Dort müssen wir eingreifen und helfen; andernfalls stehen uns noch dramatischere Flüchtlingsströme bevor.

Quelle: HNA

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