Denkmal für die Angehörigen: Journalist Lorenz S. Beckhardt liest in Trutzhain aus Buch

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Erfuhr erst als Erwachsener von seinen jüdischen Wurzeln: Der Journalist Lorenz S. Beckhardt hat 2014 das Buch „Der Jude mit dem Hakenkreuz“ veröffentlicht.

Trutzhain. 2014 erschien das Buch „Der Jude mit dem Hakenkreuz. Meine deutsche Familie“ von Lorenz S. Beckhardt. Katholisch erzogen, erfuhr er erst als Erwachsener, dass er das Kind von Juden ist. Am Mittwoch liest der Autor in der Gedenkstätte Trutzhain.

Am Mittwoch, 23. November, 19 Uhr, ist der Autor Lorenz S. Beckhardt in der Gedenkstätte Trutzhain zu Gast. Er erzählt vom Großvater, aber auch von einer Generation, die nach 1945 einen Neuanfang im Land der Täter wagt. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Beckhardt, ihr Buchtitel „Der Jude mit dem Hakenkreuz“ dürfte den Leser zunächst irritieren. Warum haben Sie diesen Titel gewählt? 

Beckhardt: Es ist eine packende Geschichte, die sich teils wie ein Krimi liest. Dazu gehört dann auch ein spannender, etwas irritierender Titel.

Fritz Beckhardt, der höchst dekorierte deutsch-jüdische Kampfpilot des Ersten Weltkriegs, der mein Großvater war, flog jedoch mit dem Hakenkreuz auf seinem Flugzeug. Denn das Hakenkreuz war vor 1921 noch nicht das Logo der NSDAP, sondern ein aus dem indischen Kulturkreis stammendes Glückssymbol - und aus ganz persönlichen Gründen war es der Talisman meines Großvaters.

Schließlich kommt noch hinzu, dass mein Großvater ein verbohrter Patriot war. Insofern ist der Titel vielschichtig zu verstehen.

Wann haben Sie Details ihrer Familiengeschichte erfahren? 

Beckhardt: Dass ich jüdische Eltern und Großeltern habe, das erfuhr ich erst als Erwachsener. Ich wurde katholisch getauft und habe alle Stationen der katholischen Erziehung durchlaufen. Aber meine Eltern hielten es für nicht ratsam, mich als Juden zu erziehen. Das hatte natürlich mit den Erfahrungen ihrer Kindheit zu tun.

Wie hat sich die Recherche gestaltet? 

Beckhardt: Aufregend. Ich habe Wochen in Archiven verbracht, persönliche, aber auch allgemeinpolitische Dokumente durchforstet und den Nationalsozialismus in seiner Alltäglichkeit, aber eben auch Faszination begriffen.

Waren alle Familienmitglieder einverstanden oder gab es Diskussionen zu ihrem Plan, die Geschichte aufzuarbeiten? 

Beckhardt: Meine Eltern mussten überredet werden. Aber schließlich obsiegte das Argument, dass mein Vater den heutigen Generationen seine Lebenserfahrungen hinterlassen müsse. In Zeitzeugengesprächen hat er bleibenden Eindruck hinterlassen, er war eine faszinierende Persönlichkeit. Leider ist er dieses Jahr verstorben.

Welche Gefühle hat die Recherche bei Ihnen ausgelöst? 

Beckhardt: Überwiegend positive. Wütend machte mich nur die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik mit ihrer aggressiv ablehnenden Haltung den Rückkehrern gegenüber, die feindselige Haltung der Nachbarn, der Justiz und der Behörden, die meine Familie nach 1945 fast noch schlimmer schikanierten als im Dritten Reich. Aber das Denkmal, das ich meinen Angehörigen setzen konnte, die Annerkennung, die meine Eltern erfuhren und nicht zuletzt mein eigener Weg zurück zu den Wurzeln, das macht glücklich.

Welche Tatsache hat sie in der Aufarbeitung der Familiengeschichte am meisten überrascht? 

Beckhardt: Es gibt viele überraschende Episoden. Dass es Juden gab, die die Nazis anfangs begrüßten, dass es in meiner Jugend linksradikale Parolen gab, die auch schon die SA gebrüllt hatte, all diese Grauschattierungen aus dem Alltag des Dritten Reichs, welches ich nur als schwarz-weißes Zerrbild wahrgenommen hatte, das hat mich schon überrascht.

Haben Sie ihre jüdischen Wurzeln wiederentdecken können? 

Beckhardt: Man kann natürlich die Erfahrungen einer jüdischen Erziehung als Erwachsener nicht mehr nachholen, aber ich hatte schon aufregende Erfahrungen in jüdischen Gemeinden, schöne Begegnungen und schlaue Gespräche. Sonderlich religiös bin ich dadurch aber nicht geworden. Die Juden, die mein Leben nachhaltig geprägt haben, sind Karl Marx, Heinrich Heine und Albert Einstein. Mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen.

Zur Person

Lorenz Salomon Beckhardt wurde 1961 in Wiesbaden geboren. Er studierte in Bonn Chemie. Von 1980 bis 1990 war er Autor und Redakteur der Zeitschrift ila, ab 1990 berichtete er für die ARD, volontierte bei der Deutschen Welle und arbeitete als Reporter und Redakteur sowohl für das ARD-Morgenmagazin als auch für die Tagesschau. 2006 wurde er Redakteur des WDR-Wissenschaftsmagazins Quarks & Co und Leiter der WDR-Redaktion des 3sat-Wissenschaftsmagazins nano.

Quelle: HNA

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