Holger Elsner ist Uhrmacher - und braucht gute Augen und viel Fingerspitzengefühl

Detektiv für die Zeitmesser

Auf Spurensuche: Uhrmachermeister Holger Elsner hat schon an die 50 000 Uhren in seiner Zierenberger Werkstatt unter die Lupe genommen. Foto: Hoffmann

Zierenberg. Wenn der Zeiger kurz vor Zwölf stehen bleibt, kann das an der Auslösung des Schlagwerks liegen. Holger Elsner kennt sich aus. Er ist Uhrmacher. Während er von seiner Arbeit erzählt, ticken in der vom Vater aufgebauten Werkstatt an der Zierenberger Poststraße manch alte Schätzchen unablässig vor sich hin. Ihre komplizierte Mechanik hat er mit seinen feinmotorischen Fertigkeiten schon wieder zum Laufen gebracht hat.

Vor ihm auf dem Arbeitstisch das Innenleben einer alten Standuhr. An die 60 Jahre mag es alt sein. Schritt für Schritt geht Elsner vor, um Fehlerquellen auszuschließen. „Das ist Detektivarbeit“, sagt er. Die Spurensuche beginnt mit einer Reinigung der Mechanik. „Da braucht man schon ein erfahrenes Auge.“ Konzentriert, die Uhrmacherlupe ins rechte Auge geklemmt, fügt er mit der Pinzette Rädchen für Rädchen, Hebel und Federn an ihren Platz, dreht Schrauben mit winzigem Gewindedurchmesser. Sicher und genau bemessen, werden die Schmierstellen im Uhrwerk geölt und gefettet, bis das alte Stück wieder tickt.

Obwohl es eine große Anzahl von Werkformen und Uhrentypen gibt, benötigt der Niederelsunger dafür weder Zeichnungen noch Reparaturanleitungen. Er schöpft aus jahrelanger Erfahrung, hat seit Beginn seiner Ausbildung an der Hamburger Uhrmacherschule im Jahr 1979 bereits über 50.000 Zeitmesser bearbeitet.

Ganz anders die Situation an den Verkaufstischen seiner Läden, neben Zierenberg betreibt Elsner ein zweites Geschäft in der Schützeberger Straße in Wolfhagen. Fingerspitzengefühl ist auch hier gefragt, wenn er Kunden die mitunter hohen Reparaturkosten offenbaren muss. Der 49-Jährige erläutert ausführlich den Kostenvoranschlag, indem er die einzelnen Arbeitsgänge bei der Instandsetzung oder gar Restaurierung erklärt.

Ein anderer Kunde lässt sich Ketten, Ohrringe oder sonstige Schmuckstücke vorlegen, die auf den ersten Blick alle gleich aussehen. Der Fachmann aber weiß die Unterschiede in Farbe, Qualität und Preis dem Kunden deutlich zu machen. Nebenbei fragt ein anderer, ob seine Reparatur fertig sei, der nächste reicht seine Armbanduhr zum Batteriewechsel herein.

„Das macht mittlerweile einen nicht geringen Teil unserer Arbeit aus“, sagt Elsner, der in seinem Beruf glücklich ist. Wo sonst findet sich diese Vielfalt an Technik, vom antiken Chronometer bis zur funkgesteuerten Armbanduhr, die die genaueste Zeit, nämlich die der Atomuhr in Braunschweig angibt?

Auch über mangelnde Aufträge sich Elsner sich nicht beklagen, seinem persönlichen und individuellen Service sei dank. „Das kann das Internet, wo viele Menschen mittlerweile ihre Uhren kaufen, nun einmal nicht bieten.“ Sein Glück, denn er weiß genau: Der gute alte Uhrmacher ist spätestens dann wieder gefragt, wenn die im Netz erstandenen Zeitmesser einmal nicht mehr ticken und vielleicht um kurz vor Zwölf stehen bleiben.

Von Sascha Hoffmann

Quelle: HNA

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