Idee eines interkulturellen Zentrums

HNA-Interview: Deutlich mehr Raum für die Integration

Schwalm-Eder. Die bundesweite interkulturelle Woche (IKW) startet am Sonntag unter dem Motto „Wer offen ist, kann mehr erleben.“

Josef Hillebrand, langjähriger Leiter der Ausländerbehörde im Schwalm-Eder-Kreis, setzt sich seit Jahren für eine kulturelle Begegnungsstätte in Melsungen ein und möchte die Integration voranbringen. Wir nehmen die IKW zum Anlass, mit dem Melsunger über Integration zu sprechen.

Herr Hillebrand, alle reden von Integration. Was bedeutet Integration eigentlich?

Hillebrand: Den direkten vorurteilsfreien Umgang miteinander. Den Austausch und Kontakt ohne Angst.

Wie ist es dann um die Integration in Deutschland und hier bei uns bestellt.

Hillebrand: Es hapert doch erheblich. Ein Verständnis von Eingliederung muss von Einheimischen und Migranten gemeinsam gefunden werden. Und über die Eingliederung sollte nicht nur geredet werden, sie muss bei uns in den Städten und Gemeinden stattfinden.

So könnte man auch die Angst, von der Sie gesprochen haben, abbauen.

Hillebrand: Genau. Viele Menschen haben zu wenig Erfahrung mit fremden Lebenswelten zum Beispiel türkischstämmiger Mitmenschen. Statt Vorbehalte zu pflegen, sollten wir unsere Gemeinsamkeiten entdecken und Raum geben, Freundschaften entstehen zu lassen.

Wie können wir einen solchen Prozess anstoßen?

Hillebrand: Wir brauchen eine Begegnunsstätte. Und ich glaube, es sollten unsere Kirchen sein, die den Raum dafür stiften.

Sollten wir die Religion nicht außen vor lassen?

Hillebrand: Im Gegenteil. Wenn Menschen Angst haben oder Vorbehalte, sehe ich unsere Kirche in der Pflicht. Sie hilft ja auch, aber meist nur kurzfristig wie bei der Unterstützung von Flüchtlingen. Kirche sollte aber langfristig arbeiten. Die Bibel schlägt zahllose Brücken zu anderen Religionen und Ethnien.

Könnten die Migranten das aber nicht missverstehen?

Hillebrand: Nein, ich glaube das würde verbindend wirken, denn die Migranten würden sehen, dass auch wir wissen, dass uns in Fremden Gott begegnen kann. Die Arbeit in der Begegnungsstätte soll ja nicht konfessionell geprägt sein.

Und wer soll so eine Begegnungsstätte mit Leben füllen?

Hillebrand: Ich hatte vor Jahren für einen Kulturdolmetscher für Melsungen geworben. Draus geworden sind zwei Stunden monatlich von Kasseler Sozialarbeitern, die sich mit Jugendlichen beschäftigen.

Was sollten die Kulturdolmetscher denn tun?

Hillebrand: Sie könnten alle Kulturkreise direkt ansprechen, Veranstaltungen organisieren und natürlich Einzelfälle betreuen.

Ein sinnvoller Vorschlag. Aber warum zwei und wer soll die bezahlen?

Hillebrand: Zwei, weil wir den muslimischen Bereich abdecken wollen und für die vielen Menschen mit russischem Hintergrund. Und wenn es sich eine Stadt leisten kann, dann Melsungen. Eine solche Initiative könnte Beispiel gebend sein. Die Räume die Kirche, das Personal – eine Stelle – die Stadt.

In Melsungen gibt es aber bereits einen Gebetsraum und einen Treffpunkt der türkischen Gemeinde.

Hillebrand: Das Angebot soll keineswegs als Konkurrenz verstanden werden. Die neue interkulturelle Begegnungsstätte soll aber ein Gemeinschaftsprojekt werden und entsprechend moderiert werden.

Ihnen schweben bereits Räume vor?

Hillebrand: Ja, wenn das Dekanat sie nicht mehr als Ausweichquartier braucht, wäre mein Favorit die „Pfarrscheune“ im Vorderen Eisfeld. Wichtig finde ich, dass sich unsere Kirchen an der Stelle offen und großzügig zeigen.

Es gibt einen neuen Bürgermeister und einen neuen Dekan. Welche Chancen sehen Sie für ihren Vorstoß?

Hillebrand: Wir waren vor Jahren schon einmal auf einem guten Weg. Unter Dr. Ehrhart Appell gab es einen Ausländerbeirat, den es nicht mehr gibt. Ich erhoffe mir durchaus etwas von den neuen Akteuren. Markus Boucsein hat in seinem Wahlprogramm die Integration erwähnt. Nur kurz, aber immerhin.

Von Damai D. Dewert

Quelle: HNA

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