16 Inhaftierte wurden zu Schiedsrichtern ausgebildet – Projekt einmalig in Hessen

Diplomatisch im Knast

Für ein faires Spiel: Zuko Bilalovic, Steffen Ludwig, Uwe Reichert und Udo König (von links) sind vier von 16 neuen Schiedsrichtern. Organisiert wurde das Projekt von Günter Laudenbach, Holger Sebastian Daum, Dieter Weppler und Marek Paluszak (hinten von links). Foto: Rose

Ziegenhain. Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift: So pragmatisch drückte es einst Franz Beckenbauer aus. Nach der Pfeife des Schiedsrichters tanzen künftig auch die Fußballer in der Justizvollzugsanstalt Ziegenhain. 16 Häftlinge haben sich hinter den Gefängnismauern zu Schiedsrichtern ausbilden lassen – im hessischen Vollzug ist das eine Premiere.

Organisiert haben das Projekt Günter Laudenbach, Leiter der Ausbildungswerkstatt Metall, sowie die Sportübungsleiter Holger Sebastian Daum und Marek Paluszak. „Die Insassen sind mit der Idee an mich heran getreten“, erklärt Laudenbach. Fußball ist bei den Inhaftierten beliebt: „Die Sportart wird zwei Mal in der Woche angeboten. 30 bis 40 Häftlinge spielen regelmäßig“, verdeutlicht Paluszak. Innerhalb von vier Tagen haben die Männer das komplette Regelwerk für den Rasen gelernt.

Stärkt das Selbstbewusstsein

Unterrichtet wurden die Häftlinge von Kreislehrwart Horst Stroh, die Prüfung nahm Kreisschiedsrichterobmann Dieter Weppler ab. „Alle Teilnehmer waren wirklich sehr konzentriert und diszipliniert“, hat Laudenbach beobachtet. Für die Häftlinge habe die Ausbildung einen hohen Stellenwert: „Die Insassen genießen als Schiedsrichter natürlich eine Vorbildfunktion. Ihre Entscheidungsposition stärkt das Selbstbewusstsein“, erläutert Laudenbach. Dieter Weppler hat den Weg für die Ausbildung in der JVA geebnet und eine Genehmigung beim hessischen Fußballverband eingeholt. Ausbilder und Prüfer haben für das Projekt kein Honorar bekommen.

Für die Insassen Steffen Ludwig, Udo König, Zuko Bilalovic und Uwe Reichert ist wichtig, dass der Schiedsrichterschein auch außerhalb der Gefängnismauern seine Gültigkeit behält. „Ich spiele seit meinem sechsten Lebensjahr Fußball und kann mir vorstellen, nach meiner Entlassung in einem Verein zu spielen oder zu pfeifen“, sagt Bilalovic. Und Uwe Reichert erklärt: „Wir sind uns als Schiedsrichter der Verantwortung bewusst, dass die Spieler wieder so vom Platz gehen, wie sie gekommen sind.“ Auch Udo König ist fußballbegeistert: „Selbst spiele ich schon länger nicht mehr. Aber ich habe in der Ausbildung gelernt, wie wichtig es ist, auf dem Rasen diplomatisch zu sein.“ In ungeklärten Situationen eine klare Linie behalten – das will Steffen Ludwig auch in Zukunft am dem Platz umsetzen.

Vorbereiten auf Entlassung

Günter Laudenbach ärgert sich manchmal um die Diskussion, inwieweit man für Straftäter solche Projekte anbieten sollte. „Wir haben als Anstalt die Aufgabe, die Insassen auf den Tag der Entlassung vorzubereiten. Und Ausbildung ist ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeitsbildung“, erläutert er. „Wenn nur ein Teil der Häftlinge wieder Fuß fasst, hat sich das auf jeden Fall rentiert.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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