„Das letzte halbe Jahr"

Doku über Steinwaldschüler läuft bei Filmfestival in Kassel und später im ZDF

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Entspannung nach der Abschlussprüfung: Hannah (die Nachnamen werden im Film nicht genannt) gönnt sich eine Pause – eine Szene aus dem Dokumentarfilm „Das letzte halbe Jahr“ über Absolventen der Steinwaldschule in Neukirchen. 

Neukirchen/Kassel. Der Text im Programmheft des Kasseler Dokumentarfilm- und Videofests lässt Schlimmes vermuten.

Gedreht worden sei Anna Wahles Film „Das letzte halbe Jahr" in einem Landstrich, der Hessisch-Sibirien genannt werde, heißt es da.

Das Klima sei rau, die Busse führen selten, „und die Straßen schlängeln sich vorbei an Dörfern, die Schrecksbach und Knüll heißen.“

Knüll!

Aber der Film, der morgen, 14.30 Uhr, im Kasseler Gloria-Kino gezeigt wird, ist keineswegs so furchtbar, wie es dieser Fauxpas vermuten lässt. Er ist vielmehr ein sensibles Porträt einer Gruppe von Jugendlichen, die die Filmemacherin 2014 in ihrem letzten halben Jahr an der Steinwaldschule in Neukirchen begleitet hat.

Irgendwann wird der knapp 80-minütige Film der Autorin, Regisseurin und Produzentin Wahle, die in Köln, Zürich und Lausanne studiert hat, im Fernsehen laufen - produziert wurde er mit Unterstützung der Hessischen Filmförderung und der Filmstiftung NRW für das Kleine Fernsehspiel des ZDF.

Hannah, Tobi, Laura, Josh, Leonie, Julian und Philipp. Es sind eine ganze Reihe Jugendliche, denen der Film folgt, fast zu viele. Proben für ein Musical, Prüfungsstress, Abschlussfahrt in die Toskana, Kleiderkauf für die Zeugnisfeier, die erste Übernachtung beim Freund, Liebeskummer: Die Kamera heftet sich in den (vielfach offenkundig inszenierten) Szenen den Jugendlichen eng an die Fersen.

Sie geben Einblick in ihren Alltag, öffnen sich sehr und lassen tief in ihr Inneres blicken. Auch Einsamkeit, Stress in Freundschaften, die Notwendigkeit, sich selbst und einen Platz im Leben finden zu müssen - und zunächst mal eine Ausbildung oder eine weiterführende Schule - all das wird ehrlich thematisiert.

Kostenlose Umarmungen

Wenn man alt sei, könne man hier echt gut leben, sagt Josh in der ersten Szene. „Wenn man 15 ist, ist es echt scheiße.“ Eine Behauptung, die der Film eigentlich dementiert. Denn die Jugendlichen gestalten ihr Landleben durchaus kreativ, backen Muffins, grillen, kochen, machen herzallerliebst Musik und verteilen auch schon mal in Kassel in der Treppenstraße „free hugs“ (kostenlose Umarmungen). Dabei wirkt es überhaupt nicht, als wachse hier eine leichtlebig-flatterhafte Generation heran, die beispielsweise nur Computer spielt. Die Zehntklässler wirken verblüffend reif, selbstständig, ernsthaft und engagiert: Da muss einem nicht bange sein.

Filmemacherin Wahle lässt die Jugendlichen viele Kommentare selbst sprechen. Das ist ein bisschen steif, wie ein Rollenspiel im Unterricht, wirkt aber insgesamt authentisch. Was sie vor Ort gedreht hat, pimpt sie mit optischen Gimmicks auf, zum Beispiel Chatverläufen: Man erfährt, warum sich 15-Jährige immerzu auf ihren Smartphones austauschen müssen.

Am Ende, bei der Zeugnisübergabe, heißt es, hier seien „Persönlichkeiten herangewachsen“. Das stimmt, man spürt es. Und Josh, der gern in Frankfurt leben will und es erstmal bis Alsfeld schafft, sagt zuletzt: „Vielleicht ist es auch einfach in Ordnung hier.“

Donnerstag, 14.30 Uhr, Gloria-Kino, Ständeplatz, Friedrich-Ebert-Str. 3, Tel. 0561/7667950, www.kasselerdokfest.de

Quelle: HNA

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