Ehemaliger Hephata-Leiter Friedrich Happich war bekennender Nationalsozialist

Geburtstagsfeier im Brüderhaus von Hephata 1934: Fast alles feiern in SA-Uniform. Foto:  Anstalten Hephata/nh

Treysa. Mit der Neuerscheinung von Katharina Stengel, Nationalsozialismus in der Schwalm, hat die Beurteilung von Friedrich Happich, geboren 1883, Leiter der Hephata-Anstalten, einen neuen Auftrieb erhalten.

Nach ihm ist in Treysa eine Straße benannt. Wir warfen noch einmal einen Blick in das Buch:

Nach eigenem Bekunden hatte er, Happich, schon seit 1930 die NSDAP gewählt und die Machtübernahme der Nationalsozialisten leidenschaftlich begrüßt. Im Sommer 1933 trat der Pfarrer den Deutschen Christen, der nationalsozialistischen Kirchenpartei, bei, der auch mindestens 90 Prozent der aus Hephata stammenden Diakone angehörten. Im Dezember 1933 veranlasste er den geschlossenen Eintritt seiner 1. Diakonenklasse in die SA. Als im September 1938 wegen akuter Kriegsgefahr die Bekennende Kirche zu einem Friedensgebet aufrufen wollte, distanzierte sich Happich öffentlich. Als Vorsitzender des Ausschusses der Kurhessischen Landeskirche führte er faktisch diese Landeskirche.

In den 1930er-Jahren: Friedrich Happich, Direktor der Hephata-Anstalten.

Im Mai 1939 verfasste Kirchenminister Hanns Kerrl fünf kirchenpolitische Grundsätze, die von den Kirchenführern unterschrieben werden sollten. Darin hieß es unter anderem: „Die nationalsozialistische Weltanschauung bekämpft mit aller Unerbittlichkeit den politischen und geistigen Einfluß der jüdischen Rasse auf unser völkisches Leben. Im Gehorsam gegen die göttliche Schöpfungsordnung bejaht die evangelische Kirche die Verantwortung für die Reinerhaltung unseres Volkstums.“ Happich unterschrieb trotz heftiger Kritik aus großen Teilen der Kirche.

Im Sommer 1939 schrieb Happich an den Diakon Richard Altschul, der jüdischer Abstammung war, er möge sofort seinen Austritt aus der Brüder- und Diakonenschaft erklären. Katharina Stengel: „Der in Kurhessen nie in Kraft getretene Arierparagraph innerhalb der Kirche wurde so unter der Hand in Hephata doch umgesetzt. Happich und der Brüderrat hätten Altschul wohl nicht retten, aber ihm doch eine schwere Kränkung ersparen können.“

Die Autorin urteilt: „Gerhard Schmerbach kommt in seiner Biografie Happichs erstaunlicherweise zu dem Schluss, dass dieser kein Nationalsozialist gewesen sei und immer auf Seiten der Bekennenden Kirche gestanden habe.“ Dafür gebe es keine Belege.

Die 1. Evangelische Fachkonferenz für Eugenik fand im Mai 1931 in Treysa statt. Happich hielt ein Referat über „Die Überspannung des Anstaltsstandards und die Forderungen zur Vereinfachung und Verbilligung der fürsorgerischen Maßnahmen für Minderwertige und Asoziale.“

Ganz im Sinne des späteren Nationalsozialismus wurden Behinderte und Fürsorgebedürftige als „Minderwertige“ und „Asoziale“ abgewertet und als Bedrohung für die Gesellschaft dargestellt. Die Konferenz sprach sich in ihrer Abschlussresolution für die Sterilisierung von „Trägern erblicher Anlagen, die Ursache sozialer Minderwertigkeit sind“ aus.

Nachdem die Nazis diesen schwerwiegenden Eingriff gesetzlich geregelt hatten, bewarb sich Hephata unter Happich sofort für die Durchführung der (Zwangs-)sterilisation nicht nur der eigenen Pfleglinge sondern auch der Kreisbevölkerung.

Die häufigste Diagnose „angeborener Schwachsinn“ betraf keine gesundheitlichen Probleme, sondern sanktionierte mangelnde Leistungsfähigkeit und Lebensbewährung sowie sozial unangepasstes Verhalten. Happich und Dr. Wittneben, der Chefarzt von Hephata, rühmten sich nicht nur, schon in den zwanziger Jahren für die Sterilisierung gekämpft zu haben, sondern waren auch bitter enttäuscht, dass ab 1937 aus Hephata so viele Patienten an staatliche Heime (und damit zur Tötung) abgegeben werden sollten, obwohl die Schwalm „schon frühzeitig in sonst kaum erlebter Stärke sich zum Führer bekannt“ habe. Happich bemühte sich, die leeren Betten wieder zu füllen, indem er andere Anstalten der Inneren Mission um „brüderliche Nothilfe“ bat.

Am 24. Mai 1939 zog er Bilanz: „Die 350 Pfleglinge, die von hier wegkamen, bedeuten einen Ausfall von Pflegegeld von Reichsmark 250.000 im Jahr. Der Verlust ist aber noch ein größerer, denn unter den 138 Pfleglingen, die wir noch haben, befinden sich viele, die wir kostenlos oder zu einem ermäßigten Pflegesatz versorgen. Und dennoch: wir haben das Jahr wirtschaftlich ungeschwächt überstanden. Das ist ein Wunder, das kaum zu fassen ist.“ Leider haben die meisten abgegebenen Hephataner das Wunder nicht überlebt.

Quelle: Katharina Stengel, Nationalsozialismus in der Schwalm, C.H.Schmitt-Stiftung, Schüren-Verlag

Von Bernd Lindenthal

Quelle: HNA

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