Eine Bluttat ohne Motiv

Der Mord an Jörg Hegewald erschütterte 1972 Fritzlar

Fritzlar. Das Haus in dem verwilderten Garten mitten in Fritzlar, schräg gegenüber vom Grauen Turm, ist durch die wilden Hecken kaum noch zu sehen und macht einen trostlosen Eindruck. Dort wohnt schon jahrelang niemand mehr.

Früher lebte in dem Bungalow der Tierarzt Dr. Hegewald mit Frau und drei Söhnen. Eine unbegreifliche Bluttat Ende September 1972, bei der der 17-jährige Jörg Hegewald erstochen worden war, belastete die Familie jedoch so sehr, dass sie letztlich auseinanderbrach. Heute wohnt kein Mitglied der Familie mehr in Fritzlar.

„Das war wirklich eine tragische Geschichte“, erinnert sich Stadtarchivar Clemens Lohmann, der im gleichen Alter war wie der 17-jährige Jörg Henning Hegewald. Lohmann besuchte damals noch die König-Heinrich-Schule. „Wir haben sogar Handzettel in der Stadt verteilt, auf denen um Hinweise auf den Tathergang gebeten wurde“, berichtet er.

Überfall vor Garage

Was war passiert? Nach den damaligen Polizeiermittlungen hatte der 17-Jährige, der vorzeitig den Führerschein machen durfte und in der Jugendmannschaft des KSV Hessen spielte, mit seinem Auto am 29. September 1972 am Abend gegen 22.50 Uhr das elterliche Wohnhaus am Grauen Turm erreicht.

Wegen eines defekten Thermostats im Pkw wollte er wohl den Motor weiter laufen lassen. Als er vor der Garage stand, muss der Überfall passiert sein.

Im Gedenken: Die Tafel erinnert an die Bluttat.

Jedenfalls schrieb damals die Hessische Allgemeine: „Jörg Hegewald wurde gesehen, wie er in Richtung Allee lief und ‘Polizei, Hilfe!‘ schrie. An der Einmündung der Straße brach er zusammen und sagte: ‘Der hat mich gestochen.‘“ Trotz recht schneller Hilfe von Passanten und einem Arzt starb der junge Mann an den Folgen der Verletzung. Der Blutverlust muss sehr groß gewesen sein, auf dem Weg vom Elternhaus bis zur Straßenkreuzung war alles voller Blut.

Bereits wenige Stunden danach hatte die Polizei einen Tatverdächtigen festgenommen: Den 47-jährigen Rolf Protzki, der vor etwas mehr als einem Jahr nach der Entlassung aus einer Strafanstalt nach Fritzlar gezogen war. Einen Tag später hatte er gestanden, den tödlichen Messerstich geführt zu haben.

Kein Motiv genannt

Die Tatwaffe habe er weggeworfen, behauptete der Verdächtige, doch gefunden wurde das Messer nie, nur ein leeres Futteral für ein Fahrtenmesser. Auch ein Motiv für die Tat konnte Protzki nicht nennen: Er habe blindlings mit dem Messer zugestochen, als Hegewald, den er gar nicht kannte, aus dem Haus kam und zum Auto trat.

Das Hegewaldsche Haus am Grauen Turm: Dort passierte der Mord. Seit vielen Jahren lebt niemand mehr in dem Haus. Fotos: Dellit

Er sei dann weggelaufen. Welchen Weg er genommen habe, wisse er auch nicht mehr. Am frühen Morgen fand ihn die Polizei jedenfalls schlafend in den Grünanlagen der Allee, er wurde wegen starker Verdachtsmomente festgenommen, ein Richter erließ schließlich Haftbefehl.

Knapp eine Woche später stand die Todesanzeige in der Zeitung, in der die Familie den Tod ihres Sohnes durch Mörderhand beklagte – in unsagbarem Schmerz. In der Folge der unerklärlichen Bluttat schloss Tierarzt Hegewald seine zuvor florierende Praxis, seine Frau erkrankte und verstarb.

Er lebte noch etliche Jahre in dem Haus und war in Fritzlar eine stadtbekannte Figur, bekannt als „der alte Professor“. Einer der beiden anderen Söhne starb nach HNA-Informationen im Jahr 2000, der andere lebt in einem anderen Bundesland. Ein Stein mit einer Schrifttafel vor dem Hauseingang erinnert an den Mord an dem jungen Mann, mit dessen Tod nicht nur ein Leben beendet wurde.

Von Ulrike Lange-Michael

Quelle: HNA

Kommentare