Viele Jugendliche kommen aus Krisengebieten allein in den Schwalm-Eder-Kreis

Eine Extraportion Deutsch

Lernen eifrig: (von links) Millicent Owuov Adhiambo, Fatim Traore, Naima Ali, Lehrerin Valentina Jerosch, Ali Rezai und Krystian Wazny.

Homberg. Was sie in ihren Heimatländern erlebt haben, darüber wollen sie nicht sprechen. Fragt man sie danach, merkt man schnell, dass es grausame Erinnerungen sind, die man in manchen von ihnen weckt.

„Sprache ist wichtig für Kontakte, man lernt viel beim Reden mit anderen“, sagt Millicent Owuov Adhiambo. Die 17-Jährige stammt aus Kenia und ist seit einem Jahr und vier Monaten in Deutschland. Auch sie geht in die Extra-Deutsch-Klasse der Erich-Kästner-Schule. Und: Sie besucht die neunte Realschulklasse. Millicent wünscht sich einen guten Schulabschluss, um danach eine Banklehre beginnen zu können. Ein erster Schritt in diese Richtung ist neben ihren Deutschkenntnissen ein Praktikumsplatz bei einer Bank. Ihr Betreuer aus der Wohngruppe hatte ihr mit der Bewerbung geholfen. Wie viele andere jugendliche Migranten ist sie allein nach Deutschland gekommen und vermisst ihre Familie: „Wir haben Heimweh“, sagt sie.

Stück Heimat geben

Manche Schüler des Extra-Deutsch-Kurses wüssten nicht, wo sie geboren wurden und wie alt sie sind. „Viele schweigen“, weiß Lehrerin Birgit Andermann. Seit über 20 Jahren bringt sie ausländischen Schülern die deutsche Sprache bei. Zu traumatisch seien die Erlebnisse, um darüber sprechen zu können, erklärt sie. Die Schule versuche ihnen zu helfen, ein Stück Heimat zu finden, mit intensivem Sprachunterricht, Schulsozialarbeit, Arbeitsgruppen und nicht zuletzt auch persönlichem Einsatz von Lehrern.

Naima Ali zum Beispiel war 14 Jahre alt, als sie allein von Somalia nach Deutschland kam. Auch sie vermisst ihre Familie und möchte am liebsten Flugbegleiterin werden- vielleicht auch, damit sie ab und zu mal zu Hause vorbeischauen kann.

Schwere Sprache

Neben Naima und Millicent besucht auch Krystian Wazny den Deutschunterricht bei Lehrerin Valentina Jerosch. Krystians Vater arbeitet in Deutschland und holte letztes Jahr die Familie aus Polen nach. Mathematik sei in Deutschland einfacher, sagt er. Dafür ist es anstrengend, die neue Sprache zu lernen: „Deutsch ist schwierig“ sagt Ali Rezai, der vor zwei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland kam. Besonders die Artikel machen den Schülern viel Mühe.

Lehrerin Andermann erklärt das Problem mit den Artikeln: „Es heißt zwar die Wand, aber auch die Uhr hängt an der Wand. Deutsch ist eine schwierige Sprache.“ Außerdem würde sich die Satzstellung, anders als in anderen Sprachen, häufig ändern. „Man kann die Schüler nur bewundern, wie sie die Grammatik lernen.“

Festes Ziel vor Augen

Fatim Traore kam vor zwei Jahren nach Deutschland. Zu Hause in Guinea sprach sie in der Schule Französisch, was sie in der Erich-Kästner-Schule als Fremdsprache für den Realschulabschluss nutzen kann. Wie die anderen Schüler der Extra-Deutsch-Klasse hat sie ein festes Ziel vor Augen: Sie möchte nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung starten und später mit Kindern arbeiten. Lehrerin Valentina Jerosch lobt die Klasse: „Sie sind alle sehr fleißig, es macht Spaß mit ihnen zu arbeiten“. Die Integration habe an der Schule Tradition und werde auch gelebt. „Und sie ist wichtig für die anderen Kinder“, sagt Konrektor Hans-Jürgen-Werner.

Von Bettina Mangold

Quelle: HNA

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