Das Kirchenbuch von Gilsa aus dem Jahr 1663 gibt viele Auskünfte darüber, wie die Menschen früher lebten

Eine Fundgrube für Historiker

Vor der Kirche: von links Dekan Dr. Helmut Umbach, Pfarrerin Jana Kreft, Historiker Professor Holger Gräf, Bischof Dr. Martin Hein, Pfarrer Reinhold Lambert, Dr. Andreas Hedwig und Dr. Friedrich-Wilhelm von und zu Gilsa. Foto: Mangold

Gilsa. Kriege, Hunger, Not und Elend: Das Kirchenbuch Gilsa aus dem Jahr 1663 gibt Aufschluss über den Alltag im 17. Jahrhundert. Es ist das älteste Kirchenbuch des Kirchspiels Zimmersrode, Gilsa und Dorheim. Geschichtswissenschaftler der Universität Marburg haben es erforscht, überarbeitet und veröffentlicht. Jetzt wurde die außergewöhnliche Quelle zur Dorfgeschichte bei einem Festakt mit Bischof Dr. Martin Hein in Gilsa präsentiert.

Das Kirchenbuch gebe seltene Einblicke in Freuden und Leiden der einfachen Leute, sagte Dr. Andreas Hedwig. Er ist Direktor des Hessischen Staatsarchivs und Vorstandsmitglied der Historischen Kommission Hessen, die das überarbeitete Kirchenbuch veröffentlicht hat.

Geschichten aus dem Alltag

1663 hatten einige Einwohner des Kirchspiels zusammen mit Pfarrer Christian Cancrinus beschlossen, das während des 30-jährigen Krieges zerstörte Kirchenbuch zu renovieren. Das Besondere: Neben den statistischen Daten hielten sie auch Begebenheiten aus der Gemeinde fest. Diese lassen Rückschlüsse auf die dörfliche Gemeinschaft zu.

Die Menschen damals hätten die Erinnerungen an die Kriegszeit festhalten wollen, erklärte Professor Holger Gräf, der das Kirchenbuch zusammen mit Patrick Sturm erforscht hat. So schrieb Pfarrer Cancrinus über einen Kirchenältesten, der Seiten aus dem Kirchenbuch gerissen haben soll, um Hehlereien mit den Soldaten während des Krieges zu verbergen. Auch berichtete er von unzüchtigen Verlobten, vom Streit zwischen Adel, Landgraf und Pfarrer, von Wetterkatastrophen und Missernten. Dadurch erfahre man viel über die Strategien der Lebensbewältigung, sagte Gräf.

Für Sozialhistoriker sei das Kirchenbuch eine zentrale Quelle für die Erforschung der Geschichte des ländlichen Bereichs. Es gäbe zwar viele Überlieferungen zur Geschichte des Adels und der Städte, doch fehlten bis ins 19. Jahrhundert die geschichtlichen Quellen, die Auskunft über das Leben und den Alltag in den Dörfern geben.

Außergewöhnliche Quelle

Bei der Präsentation des Kirchenbuches in der Patronatskirche zu Gilsa würdigte Bischof Martin Hein die außergewöhnliche Quelle. „Kirchenbücher tragen zur Identität und zum geschichtlichen Bewusstsein eines Ortes etwas bei“, sagte er und erinnerte an die im 18. Jahrhundert aus Frankreich vertriebenen Hugenotten. Auch sie hatten bei ihrer Übersiedelung nach Nordhessen meist ihre Kirchenbücher dabei.

Das Kirchenbuch ist nicht nur ein reiner Fundus an Namen, Daten und Zahlen: Es sei eine kostbare Quelle, die exemplarische Einblicke in eine spannende Zeit in der Region gebe. Damit mache es auch Spaß, es zu lesen, meinte Professor Hein.

Von Bettina Mangold

Quelle: HNA

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