Eine neue Familie für drei behinderte Frauen

Auch das ist Familie: Karlheinz und Annegret Strube (von rechts) begleiten drei Frauen mit psychischen Problemen in ihrem Alltag. Dafür sind Birgit Wolke und Christa Wick (von links) als Familienmitglieder bei den Strubes eingezogen. Die dritte Patientin fehlt auf dem Bild. Immer mit dabei ist Hündin Penni. Fotos: Thon

Zierenberg. Das Zierenberger Ehepaar Strube hat drei behinderte Frauen in ihrem Haus aufgenommen und in die Familie integriert.

Allein kommt Birgit Wolke in ihrem Leben nicht mehr zurecht. Die 69-Jährige leidet seit vielen Jahren unter sozialen Ängsten. Sie ist nicht in der Lage, ihrem Leben eine Struktur zu geben. Hilfe erhielt sie von Vitos Kurhessen in Merxhausen, die sie in das Programm Begleitetes Wohnen in Familien aufgenommen hat. Seit zwei Jahren lebt sie zusammen mit zwei weiteren 61 und 71 Jahre alten Klienten im Haus von Annegret und Karlheinz Strube in Zierenberg - ihrer Familie, wie sie sagt.

Dort fühlt sie sich wohl. Sie hat ihr eigenes Zimmer. Sie liest viel, schaut fern, und in der warmen Jahreszeit hält sie sich gern im bunten Garten hinterm Haus auf. Das Familienleben findet im Wohnzimmer und in der großen Küche der Strubes statt. Geburtstage, Weihnachten und Ostern feiern die Zierenberger zusammen mit ihren drei Familienmitgliedern.

Für das Ehepaar ist die Situation vertraut, sie definieren Familie weiter, offener. Nach einem Bandscheibenvorfall und anderen gesundheitlichen Problemen traute sich Annegret Strube vor etwa 30 Jahren einen festgezurrten Arbeitstag nicht mehr zu. Das Nichtstun war für sie aber keine Alternative. Also wandte sie sich ans Jugendamt. Seit 1988 kümmerte sie sich neben ihren eigenen drei Kindern zusätzlich um Pflegekinder.

Als die heute 60-Jährige für den Job der Pflegemutter zu alt war, erhielt sie vor fünf Jahren von Vitos Nordhessen das Angebot, sich um erwachsene Menschen mit psychischen Problemen zu kümmern. „Es ist eine sinnvolle Aufgabe, die für Abwechslung sorgt“, sagt Strube. Ohnehin findet sie, dass auf den 280 Quadratmetern Fläche ihres Hauses Platz für mehr als zwei Personen ist.

Christa Wick (71) gehört seit fünf Jahren zu den Strubes. Als junge Frau hatte sie eine Ausbildung als Fernsehmechanikerin begonnen, später arbeitete sie in einer Drogerie an der Kasse. Als ihr Ehemann krank wurde, übernahm sie seine Pflege. Im Jahr 2002 starb ihr Mann, und Christa Wick verlor den Boden unter den Füßen. Plötzlich war sie vom Leben überfordert, musste sich in Behandlung begeben und fand Halt bei Menschen wie den Strubes, die ihr bei der Bewältigung des Alltags halfen.

Die Betreuungsfamilien kümmern sich um Essen, Wäsche, Körperpflege und Arztbesuche. „Ich greife zu, wo es nötig ist - so wie es ein Familienvater eben macht“, sagt Karlheinz Strube, der in Zierenberg eine Fleischerei hatte. Alle zwei Wochen besuchen die Zierenberger in Merxhausen die Ambulanz, wo es für Patienten und Begleiter ein Gruppenangebot gibt, sagt Stefan Beez, der Verbindungsmann ist zwischen den Familien und Vitos. Er kümmert sich um administrative Aufgaben, hilft bei der Entwicklung einer Tagesstruktur und unterbreitet ergänzende Hilfsangebote. Für viele Klienten mit psychischen Problemen erweise es sich als Vorteil, wenn sie in einer fremden Familie Halt fänden. Eine Betreuung in den Herkunftsfamilie dagegen führe oft zu Konflikten. Das habe die Erfahrung gezeigt.

Quelle: HNA

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