Horst Selbiger aus Nentershausen überlebte das Grauen des Nationalsozialismus

Einer der letzten Zeugen

Einer der letzten Zeitzeugen: Horst Selbiger aus Nentershausen hat unter den Nazis den „Judenstern“ tragen müssen. Jetzt erzählte er Schülern der Homberger THS vom jüdischen Leben während des Faschismus. Foto:  Brandau

Homberg. Als Hitler an die Macht kam, war er fünf Jahre alt und hatte eine riesige Verwandtschaft. Nach dem Krieg war Horst Selbiger 17 Jahre alt und hatte 61 ermordete Familienmitglieder zu beklagen. Mit viel Glück überlebte der heute 83-Jährige das Dritte Reich.

Horst Selbiger erzählte seine Geschichte kürzlich Schülern des Einführungskurses Politik der Homberger THS. Diese Geschichte kommt nicht leichtfüßig und beschwingt daher, im Gegenteil.

Auch häufiges Wiederholen macht es dem ehemaligen Journalisten nicht leichter, zu erzählen, wie er den Tag im Jahr 1938 erlebte, an dem die Nazis die jüdische Schule in Berlin schlossen. Wie das Damoklesschwert der Ermordung und Verfolgung Tag und Nacht über der Familie schwebte.

Wie er als Verhafteter seinen ebenfalls gefangenen Vater in einem Gebäude wiedertraf, in dem es für 1200 Menschen zwei Toiletten gab. In diesem lag die eine Hälfte zum Schlafen am Boden, die andere stand an der Wand und wartete darauf, dass ein Platz zum Liegen frei wurde. Wie sein Freund Lothar bei der Zwangsarbeit neben ihm ums Leben kam.

Das alles ging dem 83-Jährigen nicht leicht über die Lippen. Selbiger war sichtlich berührt, als er den Schülern ein Bild von einem jüdischen Leben unter den Faschisten zeichnete und auf Fragen antwortete. Doch auch, wenn der Nentershäuser nicht mehr besonders gut hört, kann er sich doch gut erinnern. Diese Erinnerungen will er weitergeben, so lange es nur geht: „Das ist meine Aufgabe als Zeitzeuge“, sagt er. Und diese Aufgabe sei schwer, aber notwendig. „Wenn meine Generation nicht mehr da ist, dann ist das alles nur noch Teil der Geschichte, die man in Büchern nachlesen muss, wenn man sie erfahren will.“

Jeder war schuldig

Die Frage nach der Schuld stellt Selbiger nicht. Jeder Deutsche sei damals irgendwann und irgendwie am Faschismus beteiligt gewesen, sagte er. Schuld beginne bei einem Schulterzucken, wenn es um Not, Leid und Ungerechtigkeit gehe. Schuld beginne, wo man Sätze wie „Da kann man nichts machen“ sage.

Ob er heute noch Wut auf die Nazis empfinde, wollte ein Schüler wissen. Selbiger brauchte einen Moment für seine Antwort. Doch die kam dann mit fester Stimme: Ja. Vor allem aber habe er Wut auf die Neonazis, denn die hätten nichts aus der Geschichte gelernt.

Von Claudia Brandau

Quelle: HNA

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