Ursula Faulstich-Ruoff hat Familie von Flüchtling und Freund Ali Zare im Iran besucht

Eine Reise zu den Wurzeln

Hier fühlt sich Ali Zare wohl: Der Iraner hat im Garten von Ursula Faulstich-Ruoff ein Gemüsebeet mit Chili, Paprika und Peperoni angelegt. Foto: Laumann

Grenzen überwinden und andere Länder entdecken. Das hat Ursula Faulstich-Ruoff schon immer fasziniert. Sie hat Flüchtling Ali Zare zu sich geholt. Um den 28-Jährigen und seine Kultur besser zu verstehen, ist sie zu seiner Familie geflogen: in den Iran.

Niedermöllrich. Als Ursula Faulstich-Ruoff in den Iran aufbrach, hatte sie Angst. „Hoffentlich finde ich mich auf dem Flughafen Istanbul zurecht. Hoffentlich steige ich in das richtige Flugzeug“, erinnert sich die 66-Jährige. Sie hat das richtige Flugzeug genommen, ist wohlbehalten in Shiraz angekommen. Ausgerechnet Faulstich-Ruoff, die es über Jahre nicht geschafft hat, die Verwandten in Süddeutschland zu besuchen, macht sich alleine auf die Reise in den Mittleren Osten. „Ali kann nicht fliegen, aber ich kann“, lautete ihr Motto.

Ursula Faulstich-Ruoff ist immer noch überwältigt, wenn sie an den Empfang durch die Familie denkt. „Ich wurde von 15 Leuten abgeholt und habe sofort alle erkannt“, sagt sie. Schon vor ihrer Reise hatte sie mit Zares Familie Kontakt, sie telefonierten, chatteten und tauschten Fotos aus. „Sie haben mich empfangen, als würde der von ihnen so sehr vermisste Sohn Ali vor ihnen stehen.“

Die Verständigung war kein Problem. Zares Vater konnte ein paar Brocken Englisch, Faulstich-Ruoff ein bisschen Persisch. Der Rest ging mit Händen und Füßen. „Und wenn gar nichts mehr ging, haben wir uns in den Arm genommen.“

„Ali hat von Niedermöllrich aus jeden meiner Schritte gelenkt“, erklärt Faulstich-Ruoff. Sie war nie alleine und sehr behütet. Manchmal hätte sie gerne die ein oder andere Ecke auf eigene Faust entdeckt. „Aber das war Ali zu gefährlich.“

Immer wieder kullerten die Tränen. Zares Familie leidet darunter, dass Ali sie verlassen hat. Das hat Faulstich-Ruoff betroffen gemacht. „Ich habe gedacht, ich wühle alles auf.“ Einmal kam in ihr der Gedanke hoch, ob sie nicht doch besser auf den Besuch verzichtet hätte.

„Im Iran gehen die Menschen Probleme ganz anders an“, sagt Faulstich-Ruoff. Wenn ein Kind wütend ist, machen die Verwandten Blödsinn, alle lachen und alles ist vergessen. Diese positive Verstärkung sei erstrebenswert. Das gelte auch für das Tempo im Alltag. Im Iran gehe das Leben ruhiger zu. Als Faulstich-Ruoff nach zwei Wochen wieder nach Niedermöllrich zurückkehrte, fand sie schwierig in den Alltag mit all den Aufgaben zurück. „Ich war noch im iranischen Ruhemodus.“

Ursula Faulstich-Ruoff lernt bei der Volkshochschule Kassel Persisch. „Wenn ich nächstes Jahr wieder in den Iran fliege, möchte ich mich freier bewegen können“, sagt sie. Die Familie hat die 66-Jährige bereits eingeladen. Dabei würde Faulstich-Ruoff die Iraner gerne einmal zu sich nach Niedermöllrich holen. „Es wäre schön, wenn der ein oder andere einmal als Tourist nach Deutschland kommen könnte.“ Damit sie ihren vermissten Ali wiedersehen.

Der weite Weg nach Wabern

Ali Zares Weg nach Wabern beginnt im Oktober 2015. „Ich habe meinen Glauben gewechselt: vom Islam zum Christentum“, sagt Zare. Wenn er im Iran geblieben und zu seiner Religion gestanden hätte, „wäre ich getötet worden“, ist sich der 28-Jährige sicher.

Zare verlässt seine Frau und seinen dreijährigen Sohn. Zu Fuß und auf einem Boot bewältigt der junge Mann die Route. Sie führt ihn von seiner Heimatstadt Shiraz über Van (Türkei), Izmir (Türkei), Athen (Griechenland) sowie Mazedonien, Serben, Slowenien und Österreich nach Deutschland. Zwei Wochen braucht er für den Weg. Am 1. November 2015 kommt er in der Bundesrepublik an. Damit ist seine Odyssee nicht beendet. „Immer wieder wurde ich von einem Camp ins andere gebracht“, erzählt der Iraner.

Seit Januar lebt Ali Zare in Niedermöllrich. In den Waberner Ortsteil beginnt auch die Freundschaft mit Ursula Faulstich-Ruoff. Die 66-Jährige engagiert sich in der Flüchtlingshilfe und bietet einen Malkurs für Frauen und Mädchen an. Doch zur ersten Stunde erscheinen drei Männer. Einer von ihnen ist der 28-jährige Ali Zare.

Die Künstlerin und der Iraner verstehen sich auf Anhieb. Zare wohnt in der selben Straße wie die Phyiotherapeutin, ist jeden Tag zu Besuch und baut in Faulstich-Ruoffs Garten Peperoni, Chili und Tomate an. Als der Iraner seine Wohnung aufgeben und nach Wabern ziehen soll, ist er traurig. „Ich wollte gerne hier bleiben. Das Dorf ist schön, die Menschen sind lieb. Ich liebe Niedermöllrich“, sagt Zare. Faulstich-Ruoff hat in ihrem Haus noch eine Wohnung frei und holt den jungen Mann zu sich. „Das ging bei uns turbulent zu. Ich war bis dahin alleine und plötzlich ist ein wilder Iraner bei mir in der Wohnung“, sagt Faulstich-Ruoff und lacht.

Wie es mit Ali Zare weitergeht, ist unklar. Über seinen Status ist noch nicht entschieden. Der Iraner wartet auf seinen zweiten Anhörungstermin. „Wir können jederzeit eine Nachricht bekommen. Das ist sehr nervenaufreibend. Man fühlt sich wie auf einem Pulverfass“, beschreibt Faulstich-Ruoff ihre Gefühlslage. Die Physiotherapeutin hofft, dass Zare bleiben darf.

Der Iraner nimmt derzeit an einem Intensivsprachkurs der Kreishandwerkerschaft teil. Parallel absolviert er in der Praxis von Faulstich-Ruoff ein Praktikum. Der gelernte Agraringenieur möchte in Deutschland als Physiotherapeut Fuß fassen. „Alis Situation hat sich stabilisiert. Er hat eine geregelten Tagesablauf, ist im Sport, in der Musik und der Malerei sehr eingebunden“, sagt die Niedermöllricherin. Das alles spreche für ihn. „Ich hoffe, dass alles klappt und ich glaube, dass alles klappt.“

Von Anke Laumann

Quelle: HNA

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