Egon Pairan aus Ihringshausen war mit der Grubenwehr in Stolzenbach im Einsatz

Grubenwehr: Einsatz unter Lebensgefahr

Ihringshausen/Stolzenbach. „Machen Sie sich fertig, in Borken muss etwas Schlimmes passiert sein.“ Mit diesem Satz seines Betriebsdirektors begann für Egon Pairan der Einsatz in der Unglücksgrube in Stolzenbach.

Pairan war damals stellvertretender Oberführer der Grubenwehr in der Zeche Hirschberg bei Großalmerode.

Als er in den Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes stieg, der ihn nach Stolzenbach brachte, wusste er nicht, was ihn erwartete.

Vor dem Einstieg in die Tiefe warnte ihn sein Chef: „Sie werden dort viele Tote sehen.“ Pairan ging trotzdem. Er funktionierte in diesen zehn Tagen einfach, sagt er 25 Jahre später. Zeit, die Eindrücke zu verarbeiten, blieb nicht. „Wir haben damals nicht erkannt, was dort wirklich passiert ist“, sagt er. Zur Ruhe kamen Pairan und seine Kameraden erst am Abend.

„Die Erinnerungen sind sehr nah“, sagt der 72-Jährige und stockt kurz. Pairan gehörte zu den Männern, die auch die Toten mit ans Tageslicht bringen mussten, elf fand sein Trupp. Über manches traurige Detail des Einsatzes möchte der Ihringshäuser nicht, dass es in der Zeitung zu lesen ist.

„Wir haben unser Leben aufs Spiel gesetzt, als wir da runter sind“, erzählt der Bergmann. Nach der Explosion war die Luft unter Tage vergiftet. Jeder Atemzug ohne Schutzmaske, so beschreibt es Pairan, hätte tödlich sein können.

Schwierig waren die Tage auch für die Familie des Bergbauingenieurs. Seine Frau, die Tochter und der Sohn wussten lange nicht, was aus dem Vater geworden war. Die Kinder schrieben die Schlagzeilen und Meldungen mit, die in den Nachrichten kamen. Die Aufzeichnungen auf kleinen Zetteln hat Pairan noch heute.

„Wo ist mein Mann?“

Wenn die Grubenwehr in der Tiefe einen Toten fand, schnitt sie die Nummer von der Gürtelschnalle, mit der die Menschen zu identifizieren waren. Pairan erinnert sich, wie eine türkische Frau ihn fragte: „Wo ist mein Mann?“ Er konnte ihr keine Antwort geben.

Zu seinem Auftrag gehörte es, nach der Ursache des Unglücks zu suchen. Pairan und seine Leute sollten erkunden, ob es in der Sprengstoffkammer zu der Explosion gekommen sei. Eigentlich unmöglich, sagt er, denn Zünder und Sprengstoff müssen getrennt voneinander aufbewahrt werden. Und tatsächlich stellten sie in der Kammer nichts Ungewöhnliches fest.

Keine Zukunft mehr

Pairan arbeitete auch nach Stolzenbach in der Zeche Hirschberg. Irgendwann war absehbar, dass der Bergbau in Nordhessen keine Zukunft hatte. Der Bergmann wechselte in den öffentlichen Dienst.

Das Andenken an den Bergbau pflegt er: Pairan hält Vorträge und sammelt Exponate. Zu seiner Sammlung gehört ein kleines, schwarzes Stück, das an eine Textilie erinnert, aber hart ist.

Es ist ein Stück einer Lutte, einer Belüftungsröhre im Bergbau. Sie befand sich dort, wo das Unglück seinen Ausgang nahm. An diesem unscheinbaren Teil hängen Erinnerungen, die 25 Jahre später noch sehr nahe gehen.

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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