Vor zehn Jahren: Der erste BSE-Fall Hessens auf einem Hof im Knüll

23. April 2001: Bauer Otto Hahn fütterte die Jungtiere, die ihm nach dem BSE-Fall geblieben waren. Foto: Archiv

Schwalm-Eder. Den Karfreitag vor zehn Jahren möchte Dr. Hans-Gerhard Heil, Leiter des Veterinäramtes im Schwalm-Eder-Kreis, nicht noch einmal erleben. Der erste BSE-Fall in Hessen auf einem Hof im Knüll stürzte den Veterinär in ein Wechselbad der Gefühle.

Der in der Statistik des Jahres 2001 nüchtern unter Nummer 48 aufgeführte BSE-Fall (es gab landesweit in jenem Jahr 125) rief damals ungeheuere Emotionen hervor. "Aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht war der Fall herausfordernd. Aus Sicht des betroffenen Bauern niederschmetternd", erinnert sich Heil. Und er schrieb Geschichte: Seither muss beim Auftreten des Rinderwahnsinns nicht mehr die komplette Herde gekeult werden, Jungtiere bleiben verschont.

Für den Schellbacher Landwirt bedeutete dies, dass nicht alle 130, sondern nur 64 Rinder getötet werden mussten. Diese erstmal praktizierte Kohortenlösung gilt inzwischen in ganz Europa.

Gründonnerstag 2001: Zwei Kühe eines Bauern aus dem Knüll werden in Würzburg geschlachtet und dem obligatorischen BSE-Schnelltest unterzogen.

Karfreitag, 21.45 Uhr: Der Leiter des Würzburger Veterinäramtes informiert Dr. Heil über den positiven BSE-Befund nach dem Schnelltest bei einem Tier. Ein privates Labor hat in allen Proben stark positive Werte gefunden. Zur Überprüfung sollen die Proben nach Ostern ins Staatliche Untersuchungsamt nach Oberschleißheim geschickt werden. Noch in der gleichen Nacht fährt Heil zum betroffenen Landwirt, bespricht die Folgen für den Betrieb, der weder Milch noch Tiere abgeben darf. Ein wirtschaftliches Debakel für den Landwirt zeichnet sich ab.

Karsamstag, 7 Uhr: Der Krisenstab informiert Landrat und Regierungspräsidium, die Polizei sperrt die Umgebung des Hofes ab. Dort suchen Fachleute nach Lösungen. Tierärzte und Vertreter des Bauernverbandes leisten moralischen Beistand für die Familie. Eine kleine und, wie sich später herausstellt, hilfreiche Verschnaufpause bringt das Osterfest. Doch zunächst reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. Ein zweites Labor bestätigt den Befund.

Eine Woche später: Ein Hoffnungsschimmer zeichnet sich ab. Dr. Heil schlägt vor, nur die Nachkommen der erkrankten Kuh und alle Tiere über 20 Monate zu töten. Damit könnte die Grundlage der Zucht erhalten werden. Zugleich hatte die Milchindustrie versichert, weiter die Milch aus dem Betrieb abzunehmen. Für Heil ein wichtiger Schritt, die Basis des Landwirtes zu sichern.

Donnerstag nach Ostern: Die Vorbereitungen für die Keulung der Herde gehen weiter. Tierärzte, Metzger und Helfer stehen auf Abruf bereit. Am Abend die niederschmetternde Nachricht aus dem hessischen Sozialministerium: Die vorgeschlagene Lösung wird abgelehnt. Freitag, Tag der Entscheidung: Letzte Krisensitzung um 6 Uhr. Stunden zwischen Hoffen und Bangen folgen. Um 9 Uhr klingelt das Telefon. Das Sozialministerium nimmt die angeordnete Bestandstötung zurück. Alle Tiere, die weniger als 20 Monate mit der erkrankten Kuh gehalten wurden, bleiben am Leben.

Der Freitag im April 2001 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der BSE-Bekämpfung: Erstmals wurde in Deutschland von der Tötung des Gesamtbestandes abgewichen.

Bis heute hat die Rinderseuche nichts von ihrem Schrecken verloren, auch wenn 2009 nur noch zwei BSE-Fälle in Deutschland nachgewiesen wurden. Nach Angaben von Heil werden heute nur noch das erkrankte Tier und die direkten Nachkommen getötet. Das wären in diesem Fall nur vier bis fünf Tiere gewesen.

Von Rainer Schmitt

Quelle: HNA

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