Bis zur Erschöpfung: Wolfhagerin begleitete ihren sterbenden Onkel

Umgang mit dem Sterben: Heidrun Nowak aus Wolfhagen (rechts) hat ihren Onkel drei Jahre lang gepflegt, zuletzt rund um die Uhr. Er starb im Dezember. Elfriede Göllner aus Breuna vom Hospizdienst Wolfhager Land begleitete den 80-Jährigen in seinen letzten Stunden. Foto: Thon

Wolfhagen. Nachts hat Heidrun Nowak nicht mehr geschlafen. Die Sorge um ihren todkranken Onkel ließ sie nicht zur Ruhe kommen.

Drei Jahre lang hat die Wolfhagerin den Lungenkranken gepflegt, ihm das Essen gekocht, ihn gewaschen. In den letzten Wochen vor seinem Tod Anfang Dezember war sie rund um die Uhr für ihn da. Heute weiß Heidrun Nowak: „Das war zu viel.“

Viel früher, sagt sie, hätte sie sich Hilfe suchen müssen. Ihr Anspruch, sich allein um den Onkel kümmern zu wollen, zu dem die 68-Jährige ihr Leben lang eine intensive Beziehung hatte, habe sie überfordert - vor allem psychisch. „Schlimm war das Gefühl, nicht mehr helfen zu können“, sagt sie. Nach einem Besuch im November hatte der Hausarzt entschieden, dass der 80-Jährige eine Spezialisierte Ambulante Palliativ-Versorgung (SAPV) benötigt. Und so rückte das Palliative Care Team des DRK-Kreisverbandes Kassel-Wolfhagen an, dessen Mediziner und Schwestern spezialisiert sind auf den Umgang mit schwerstkranken Menschen. Bis zum Tod ihres Onkels sei jeden Tag eine Mitarbeiterin gekommen, sagt Nowak. Sie habe für eine Behandlung gesorgt, die dem Mann Schmerzen ersparte. Die Schwester sei es auch gewesen, die beim Hospizdienst Wolfhager Land Hilfe angefordert habe.

Elfriede Göllner gehört zu den Gründungsmitgliedern des Hospizdienstes. In der Nacht, als der alte Mann starb, saß sie an seinem Bett und blieb bis zum letzten Atemzug bei ihm. Die 75-Jährige aus Breuna schätzt, dass sie bereits 80 Menschen begleitet hat. Sie kennt die Überforderung, der sich pflegende Angehörige aussetzen. „Die Menschen kommen schnell an ihre Grenze“, sagt sie. Familienmitglieder, die sich um einen sterbenden Angehörigen kümmerten, bräuchten Zeiten, „in denen sie mal abschalten können“.

Lücken in Gesellschaft 

Diesen Freiraum will der Hospizdienst Wolfhager Land schaffen. 24 Frauen und ein Mann arbeiten dort ehrenamtlich und „verrichten einen wichtigen Dienst am Menschen“, sagt Göllner. Sie selbst habe zehn Jahre lang ihre Mutter gepflegt. Auch der Tod ihrer Schwiegermutter sei ihr nahe gegangen. Das Leben habe ihr gezeigt, dass es beim Umgang der Gesellschaft mit Todkranken Lücken gibt. Und so gründeten die Ärztin Dr. Doris Deutsch und weitere Frauen den Hospizdienst Wolfhager Land. „Es liegt mir am Herzen, Menschen in schweren Stunden nicht allein zu lassen“, begründet Göllner ihr Engagement.

Sie selbst sieht sich als Helferin, die für die Sterbenden und die Angehörigen da ist. Am Krankenbett rede sie mit dem Patienten, „ich nehme seine Hand und manchmal singe ich auch“. Als Außenstehenden falle es ihr leichter, den nahenden Tod eines Menschen anzunehmen, als den Familienmitgliedern. Heidrun Nowak hat sich nach dem Tod des Onkels von der Belastung erholt. „Heute geht es mir besser“, sagt sie mit dem Wissen, dass es Hilfsangebote gibt, auf die man zurückgreifen sollte.

Quelle: HNA

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