Ex-Finanzminister Eichel sprach in Melsungen über die Euro-Krise

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Sozialdemokraten im Gespräch: Hans Eichel (Mitte) war am Montag in Melsungen zu Gast. Unser Foto zeigt ihn mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Volker Wagner (links) und Stadtverordnetenvorsteher Albin Schicker.  

Melsungen. Wüsste man nicht, dass Hans Eichel keine Ambitionen hat, noch einmal Finanzminister zu werden, man hätte es für eine Bewerbungsrede halten können: Zwei Stunden referierte er am Montag auf Einladung der Melsunger SPD in der Stadthalle über globale Geldmärkte, Krisenszenarien und Finanzspritzen für angeschlagene Euroländer.

Gute Noten vergab der einstige Gymnasialllehrer für die Resultate des Euro-Gipfels am Donnerstag vergangener Woche. „Bundeskanzlerin Merkel hat erstmals erkennen lassen, dass sie eine Leidenschaft für Europa hat.“

Der fast 70-Jährige gab selbst den bekennenden Europäer. Langfristig werde es nicht damit getan sein, eine gemeinsame Finanzpolitik zu machen, „wir müssen auch in anderen Bereichen in die selbe Richtung laufen.“ Die Einführung des Euro sei die logische Konsequenz des gemeinsamen Marktes gewesen, aber die politische Union sei noch nicht da.

Die Frage, ob man den angeschlagenen Ländern überhaupt helfen sollte, hält Eichel für unsinnig. „Wir erwirtschaften jeden zweiten Euro im Export. Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass die Welt um uns finanzpolitisch in Ordnung ist“, sagte er. Es hätte furchtbare Konsequenzen für Deutschland, wenn man die betroffenen Länder Pleite gehen lassen würde.

Die europäische Kleinstaaterei muss aus Sicht des ehemaligen Finanzministers überwunden werden. Derzeit sei Europa weltweit noch die stärkste Wirtschaftsmacht. „Doch wenn wir nicht zusammenstehen, sind wir bald ein Spielball für andere“, sagte Eichel mit Blick auf bevölkerungsstarke, aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China und Indien. In der Welt des 21. Jahrhunderts könne sich Deutschland nicht verhalten wie die Schweiz.

Die derzeitige Krise sei nicht auf den Euro zurückzuführen, sondern auf die Staatsverschuldung der Länder: „Griechenland hätte die Probleme auch, wenn es den Euro nicht hätte.“

Die Anstregungen der Hellenen, ihre Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen, würden häufig unterschätzt. Das Land habe zuletzt eine unglaubliche Sparleistung erbracht. Die Verschuldung sei um fünf Prozent verringert worden. Umgerechnet auf deutsche Verhältnisse entspräche das einer Einsparung von 115 Milliarden Euro.

Auflagen seien nötig, es müsse aber vor allem darum gehen, der Bevölkerung mit einem Aufbauprogramm zu helfen. Eichel: „Es hat mit Ökonomie nichts zu tun, die Menschen zu bestrafen. Nur, wenn derjenige, dem wir helfen wollen, auf die Beine kommt, ist etwas gewonnen.“

Quelle: HNA

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