Es war ein ganz normales Leben

Mazedonische Familie über Nacht abgeschoben - Homberger betroffen

Entsetzt über die plötzliche Abschiebung der Familie Isenov: von links Pfarrerin Anke Zimmermann, Krista Ritter (Kirchengemeinde), Allmuth Ermke (Stadtteilagentur) ,Peter Laukner (Tafel), Christian Marx (Jugendleiter FC Homberg), Pfarrer Friedrich Heidelbach, Tanja Siebert-Moloko (Stadtteilagentur) und Christine Foerster (Café 44) mit einem Foto vom Fußballteam mit Adem Isenov. Foto:  Brandau

Homberg. Wenn die Familie Isenov wüsste, wie sehr sie in Homberg vermisst wird, sie wäre wohl völlig fassungslos. Aber die Isenovs werden wohl nie erfahren, welche Welle der Sympathie und Betroffenheit durch die Kreisstadt rollt.

Merita, Souaret, Adem und Ramadan Isenov wurden in der vorigen Woche nach Mazedonien abgeschoben. Im Morgengrauen, unangekündigt, ohne die Chance auf Abschied.

Für all die Menschen in Homberg, die mit den Isenovs zu tun hatten, ist das schwer zu begreifen. Und es sind viele Menschen - die Familie hat in den zwei Jahren, in denen sie in Homberg lebte, viele Spuren gelegt. Adem Isenov (17) spielte Fußball, er sei ein geradezu enthusiastisches Mitglied des FC Homberg gewesen, berichtet Jugendleiter Christian Marx. Sein Bruder Ramadan (20) ging zur Schule, absolvierte ein Praktikum in einem Restaurant. Erst vorletzte Woche hatte er noch in der Kultur- und Begegnungsstätte Alte Sparkasse sein Heimatland Mazedonien in kulinarischer und literarischer Hinsicht vorgestellt.

Viele Kontakte

Selbstporträt der Brüder für Facebook: Ramadan (vorne) und Adem (links) Isenov mit Freunden in Homberg. Foto:  privat

Adem und Ramadans Mutter Merita arbeitete bei der Homberger Tafel, im Einladen und im Café 44 der ev. Kirchengemeinde mit, das Kontakt zu Asyl suchenden Menschen pflegt. Und sie kümmerte sich um den Familienvater Souaret, der kriegstraumatisiert und zuwendungsbedürftig war. So zurückgezogen der Vater lebte, so sehr suchte der Rest der Familie Kontakt zu den Menschen und Vereinen in Homberg. Pfarrer Friedrich Heidelbach hatte jetzt fürs Pressegespräch alle eingeladen, die mit Isenovs zu tun hatten - und das sind viele.

„Es waren freundliche, aufgeschlossene Menschen“, sagt Peter Laukner, Koordinator der Homberger Tafel. Dort habe sich Merita Isenov im Sortierdienst als verlässliche Mitarbeiterin erwiesen. „Sie war eine Löwin, die die Familie zusammenhielt.“

Eigene Wohnung

Der Familie sei es in Homberg gut gegangen, berichtet Pfarrerin Anke Zimmermann. Vor allem, seitdem sie im August aus der Sammelunterkunft in der Bahnhofstraße in eine eigene Wohnung umgezogen ist. „Als wir von der Abschiebung hörten, dachten wir an einen Irrtum“, sagt Christine Foerster. „Es sah doch alles so nach einem normalen Leben aus.“

Die Abschiebung ist die Folge des neuen Gesetzes, das Mazedonien, Serbien und Bosnien zu „sicheren Herkunftsländern“ erklärt. „Rechtlich ist das bestimmt alles korrekt abgelaufen“, sagt Friedrich Heidelbach. „Aber menschlich gesehen ist das eine Katastrophe.“

Hintergrund: Roma werden oft verfolgt und diskriminiert

Engagiert: Merita Isenov arbeitete bis zu ihrer Abschiebung bei der Homberger Tafel und im Einladen mit. Foto:  privat

Anfang November trat die Gesetzesänderung in Kraft, die Mazedonien, Serbien und Bosnien zu „sicheren Herkunftsländern“ erklärt. Fast 20 Prozent der 115.000 Asylanträge, die in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres gestellt wurden, stammen von Menschen aus Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina. Die meisten gehören zur Minderheit der Roma - die in den so genannten sicheren Herkunftsländern ausgegrenzt und diskriminiert werden. Roma seien nicht sicher vor Verfolgung und oft benachteiligt, schreibt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Sie lebten oft am Rande der Gesellschaft: in Industriegebieten, manche Familien sogar auf der Müllkippe. Damit seien sie abgeschnitten vom Arbeitsmarkt, von medizinischer Versorgung und Bildung.

www.amnesty.de

Von Claudia Brandau

Quelle: HNA

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