Kultursommer Nordhessen: Theaterachse Salzburg zeigte Büchners „Leonce und Lena“

Faszinierend und frech

Aus dem Publikum: Auf der Bühne an der Totenkirche begrüßte Elisabeth Nelhiebel (links) auch Gäste. Fotos: Rose

Treysa. Schöner hätte der Himmel am Mittwochabend die Totenkirche kaum überspannen können: Kein Wölkchen störte den faltenfreien Sommerhimmel. Dafür zogen vor der Kulisse der Ruine durchaus dunkle Wolken auf: jene voller beißender Ironie, irrwitziger Komik und deutlicher Kritik am Provinziellen.

Die Theaterachse Salzburg war auf Einladung des Kultursommers Nordhessen zu Gast in Treysa, 100 Gäste lauschten Büchners sozialkritischer Komödie „Leonce und Lena“.

Parabel um Königskinder

Die als Lustspiel betitelte Parabel um zwei Königskinder, die Büchner als eine unter dem Deckmantel harmloser Fröhlichkeit versteckte Polit-Satire verstanden haben wollte, zeichnete ein detailliertes Bild vom lebensmüden Traumprinzen Leonce - hervorragend dargestellt von Herwig Ofner - der nicht gewillt ist, seinem höfischen Rollenverständnis weiter zu entsprechen. Im passionierten Müßiggänger (Sebastian Brummer) findet der Jüngling einen Weggefährten, der dem Prinz beim Ausbruchsversuch tapfer zur Seite steht. In perfekter Manier verpackten die Akteure Büchners wortspielreiche Ironie, brillierten mit virtuos artikulierter Absurdität und spannten und überspannten mit dem größten Vergnügen den Bogen bis zum triefenden Sarkasmus. Claudia Schächl hielt in ihrer Rolle als Königin vom Reiche Popo dem Adel den Spiegel vor und kredenzte den Zuschauern dekadente Langeweile.

Unübersehbar schwang hinter der Maske der Komödie die beißende Kritik an der provinziellen Kleinstaaterei mit. Auch Lena – zauberhaft natürlich in Szene gesetzt von Anna Paumgartner – befreite sich aus dem Korsett des höfischen Lebens. Faszinierend frech, dann wieder brachial und burschikos – einfach wunderbar wandelbar – stand dabei die Gouvernante (Elisabeth Nelhiebel) Pate.

Die Inszenierung voller Mut und Wagnis war mehr als eine köstliche Komödie – verpackt in übermütige Heiterkeit wurde das Spiel um Langeweile und Nichtstun zum skurrilen Gefängnis.

Flucht vor der Ehe

Erst auf der Flucht vor der staatlich verordneten Ehe erlebten Leonce und Lena ein bisher unbekanntes, von Überdruss und Übersättigung betäubtes Gefühl: Liebe. Valerie, der Müßiggänger, beschloss die Geschichte mit einem verheißungsvollen Dekret: „Dass, wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; dass, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist; dass jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion.“

Leonce hatte schon zu Beginn die Beine mit den Worten ausgestreckt: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Wie recht er damit behielt. Die Zuschauer dankten es ihm und den Akteuren mit langem Applaus.

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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