Fazit eines Enttäuschten

Reflektiert: Horst Giesler legt zwar sein Amt als Erster Stadtrat nieder, er möchte aber dennoch, dass sich jungen Menschen für Politik engagieren. Foto: Dewert

Niedenstein. Horst Giesler wollte die Welt ein wenig besser machen. Vielleicht hat er das auch. Dem 61-Jährigen ehemaligen Ersten Stadtrat Niedensteins hat es nun aber gereicht. Sein Amt legte er zum Jahresende nieder. Damit möchte er ein Zeichen setzen. Aber nicht ohne jungen Menschen Mut zu machen, sich zu engagieren.

„Ich dachte Ende der 80er wirklich, wir könnten richtig was bewegen“, sagt das FWG-Mitglied. Er habe eben ein sonniges Gemüt, sagt er und lacht. Dabei schwingt ein Quäntchen Verbitterung mit. Von Naivität will er nichts wissen, aber für jemanden, der von sich sagt, nichts ohne Herzblut zu machen, seien die vergangenen zwei Jahre nur noch frustrierend gewesen.

„Die Politik muss erkennen, dass sie so den Menschen mehr schadet als nützt.“

Die kommunale Selbstverwaltung sei nur noch eine Farce. Ob Konjunkturprogramm oder Dorferneuerung: „Alles, was wir bewegen, finanzieren wir auf Pump. Wie sollen wir das nachfolgenden Generationen denn erklären?“ Sein politisches Amt habe er nicht aus dem einen Grund niedergelegt. Über die Jahre sei viel zusammengekommen. „Dabei habe ich Unzufriedenen immer gesagt, nicht schimpfen, sondern verändern. Tretet einer Partei bei, lasst euch aufstellen und packt es an.“ Er habe so seine Zweifel, ob das überhaupt noch gültig ist.

Er kritisiert die Selbstdarstellung in der Politik und die finanziellen Zwänge, die ehrenamtlichen Kommunalpolitikern zusetzten. „Wir sitzen doch alle in untergehenden Booten. Mehr denn je ist es wichtig, dass wir über Parteigrenzen hinweg zusammenarbeiten.“ Der Alltag sehe aber so aus, dass vor Wahlen keine unpopulären Entscheidungen getroffen werden und sich die Fraktionen bekriegen.

Es dürfe aber nicht um Machterhalt gehen. „Wenn wir das Ruder rumreißen wollen, geht das nur zusammen. Die Politik muss erkennen, dass sie so den Menschen mehr schadet als nützt.“

Bei einer betriebswirtschaftlichen Betrachtung der Kommunalfinanzen fühle er sich ohnmächtig. Der ehemalige Generalbevollmächtigter eines Versicherungsunternehmens weiß, wovon er spricht. Wochenlang haben man über jeden Cent diskutiert, um die Stadt attraktiv zu halten und die Sparzwänge zu erfüllen. Und plötzlich ist alles Makulatur, weil die Kreisumlage erhöht wird. „Stellen Sie sich mal vor, sie knien sich richtig in was rein. Ehrenamtlich. Und dann ist alles für die Tonne.“

Festes Budget für Kommunen

Zuletzt sei ihm vieles so nahe gegangen, dass er seiner Gesundheit und seiner Frau, Tochter und Enkelin zuliebe die Handbremse gezogen habe. Mehr als 20 Jahre war Horst Giesler in der Politik: als Stadtverordneter, Fraktionsvorsitzender, Magistratsmitglied und Erster Stadtrat.

Sein Wunsch ist, dass wieder mehr Sachlichkeit in die Parlamente einzieht. Der Kommunale Finanzausgleich müsse dringend reformiert werden. Die Kommunen müssen in die Lage versetzt werden, ihre Aufgaben zu erfüllen. Außerdem benötigen sie ein Budget für Investitionen.

Gute Gründe für Kommunalpolitik

Horst Giesler hat für sich entschieden, dass nach 20 Jahren Schluss ist mit der Kommunalpolitik. In verschiedenen Ehrenämtern ist seit 40 Jahren aktiv.

Jungen Menschen rät er, sich zu engagieren:

- Junge Menschen bringen neue Blickwinkel ein, sie sind begeisterungsfähig für andere Themen.

- Es muss immer Menschen geben, die sagen, dass sich Engagement lohnt.

- In der Kommunalpolitik kann man wertvolle Erfahrungen über das Zusammenleben sammeln und einen Blick hinter die Kulissen werfen.

- Über Zustände zu meckern reicht nicht.

Mit seinem Fazit wolle er nicht die Politikverdrossenheit fördern, sondern einen letzten Anstoß zum Umdenken geben. (ddd)

Quelle: HNA

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