Weihnachtsoratorium: Flüssig, streng und zügig

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Mehr als Ersatz: Der aus Kanada stammende Tenor Joseph Schnurr war für den erkrankten Jörn Lindemann eingesprungen.

Melsungen. Eine Aufführung von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium ist ein Muss für Musikfreunde. So kamen am Sonntag 300 Zuhörer zu dem Kirchenkonzert der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde (SELK) im Sprengel Süd.

Eine seltene wie schlüssige Auswahl aus den sechs Teilen von Bachs Oratorium gab es in der Melsunger Stadtkirche.

Zu Bachs Zeiten wurden die sechs Kantaten jeweils an den einzelnen Festtagen im Gottesdienst aufgeführt. Heute erklingen in Konzerten oft die Teile 1 bis 3 beziehungsweise 4 bis 6.

Überzeugte: Mareike Morr.

In der Stadtkirche kombinierte man hingegen die Kantaten 1, 3 und 6, was eine stimmige Erzählung von der Geburt Jesu bis zu der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland mit sich brachte, aber auch Bachs überlegten Tonartenplan verdeutlichte. Für Einheitlichkeit war gesorgt, denn glanzvolles D-Dur bestimmt die Kantaten 1, 3 und 6. Kantorin Nadine Vollmar leitete eine flüssige, strenge, von zügigen Tempi geprägte Aufführung. 39 Stimmen umfasste der Chor aus der Jungen Kantorei Hessen-Nord der SELK und einem Projektchor aus Südhessen. Gut durchhörbar gelangen kunstvolle Chorsätze wie „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen“. Flott, unsentimental, ohne starke Dehnungen des Tempos wurden die Choräle gesungen. Insgesamt eine schöne Chorleistung.

Ein originales instrumentales Gewand umhüllte die Stimmen, denn es spielte das Berliner Ensemble „Concerto Grosso“ um die Barockgeigerin Beatrix Hellhammer. Originalklang und historisch informiertes Musizieren – auch bei diesem versierten Ensemble bedeutete dies eine schlanke, agile, beredte Klanglichkeit. Dass das Spiel auf Barocktrompeten nicht ganz einfach ist, wurde freilich ebenso klar.

Kurzfristig eingesprungen war der aus Kanada stammende Tenor Joseph Schnurr, der mit den Worten des Evangelisten überzeugte. Professionell agierten auch Inés Cecilia Villanueva (Sopran) und Martin Backhaus (Bass). Doch eine Sängerin ragte heraus, was sich ohne falschen Lokalpatriotismus feststellen lässt: Die Mezzosopranistin Mareike Morr, aus Rotenburg stammend und seit 2008 festes Ensemblemitglied der Staatsoper Hannover, sorgte mit unaffektiertem Timbre und klaren Linien für die besten Momente.

Nach dem mit Pauken und Trompeten prunkenden Schlusschoral „Nun seid ihr wohl gerochen“ applaudierte das Publikum im Stehen.

Quelle: HNA

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