Theaterstück über eine verfolgte Dichterin

Freier Vogel mit gestutzten Flügeln

Ihre schlichte Inszenierung macht die Tragik sichtbar; Dorit Meyer-Gastell spielt das rastlose Leben der Mascha Kaléko. Foto:  Schüler

Morschen. Der schlichte, sakrale Raum des Refektoriums im Kloster Haydau wurde am Samstagabend zur Bühne, auf der die Schauspielerin Dorit Meyer-Gastell den Lebensweg der Dichterin Mascha Kaléko abschritt.

„Ich war ein kluges Embryo, ich wollte nicht auf die Welt.“ Die ersten Zeilen des Auto(r)biografischen Gedichtes enthalten schon früh das, was einen Vergleich der Poetin mit Erich Kästner zu rechtfertigen scheint: eine nonchalante Ironie, einen Schuss Zynismus und eine Lebensweisheit, die jeder verstehen kann. Dorit Meyer-Gastell schlüpft in die Rolle dieser Dichterin, tritt auf in schlichtem blauen Kleid und verkörpert zunächst eine heitere, junge Frau, deren Freiheitswille so unbändig ist wie der eines Vogels. Diesem Vogel stutzt man zu früh die Flügel: „Und kratzt man sich, ehrlich, da wo’s jedermann juckt, dann ist das gefährlich und wird nicht gedruckt.“

Geboren 1907 in Galizien floh die jüdische Familie Kaléko vor den Pogromen nach Berlin, wo Mascha schon bald in der Künstlerszene zu Hause war. Und das blieb nicht die einzige Emigration. Amerika, Israel und Zürich wurden weitere Stationen in ihrem Leben. Wie ein roter Faden ziehen sich dabei Kofferpacken und rastloses Wandern auf der Bühne durch den Abend. Die Schauspielerin lässt immer auch eine Schreibmaschine mitwandern, auf die sie mal fröhlich, mal wütend, am Ende tieftraurig schreibt - getrieben von dem Drang, ihre Gedanken in Worte zu fassen.

„Die Katastrophe sagt mit fast zynischem Gähnen: Geduld, Geduld, du wirst dich schon an mich gewöhnen.“

Mascha Kaléko

Mit wenigen Requisiten stellt Meyer-Gastell das Leben der Poetin dar. Ein paar Kinderschuhe genügen als Symbol für den geliebten Sohn. „Ich will dir meines Liebsten Augen geben“ als inniges Gedicht einer Mutter an ihr Kind zeigen ihre große Liebe zu Mann und Sohn – und beide muss sie viel zu früh begraben. Die Kinderschuhe verschwinden dann endgültig im Koffer.

In dem Gedicht „Was man so alles überlebt“ verbirgt Kaléko hinter fast lässigen Worten die Tragik ihres Lebens: „Die Katastrophe sagt mit fast zynischem Gähnen: Geduld, Geduld, du wirst dich schon an mich gewöhnen.“ Und an anderer Stelle: „Den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben.“ Wo ihr die schlichten Worte nicht ausreichen, unterstreicht die Schauspielerin ihren Vortrag mit Gesang. Manchmal holt sie mit Gesten ohne Worte eine Frau auf die Bühne, deren tragisches Leben keinen unberührt lässt. Begeisterter Applaus des Publikums im fast gefüllten Refektorium honoriert die Leistung der Schauspielerin, die auf Einladung des Kulturrings und mit Unterstützung der Firma Wikus ins Fuldatal gekommen war. (zll)

Quelle: HNA

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