2100 Kilo Knochen: Gebeine unter Spangenberger Kirche ziehen um

Spangenberger Skelette: von links Ingenieur Lothar Fesch, Bernd Knoblich vom Architekturbüro und Pfarrer Volker Mantey an den Gebeinekisten. Foto: Feser

Spangenberg. Die Stadtkirche beherbergt eines der größten Beinhäuser im mitteldeutschen Raum: 2100 Kilo menschliche Knochen, darunter rund 250 Schädel, wurden nun an einen neuen Standort verlagert.

In den Kisten liegen Spangenberger. Gestorben vor hunderten von Jahren, bestattet auf dem Kirchhof, nach Neubelegung der Gräber auf dem Dachboden der Kirche gelagert - und dann vergessen. Bei der Sanierung des Kirchendaches tauchten die Gebeine wieder auf: auf dem Gewölbedach, unter Ziegelschutt verborgen. In Kisten gelagert, wurden sie nun zum Ende der Dachsanierung an ihren neuen Standort gebracht. Sie finden unterm Dach neben dem Kirchturm ihre letzte Ruhe und können künftig von geführten Besuchergruppen besichtigt werden.

Lothar Fesch, der Chef der Baufirma aus Waldkappel, war für die Dachsanierung inklusive Gebeineumlagerung zuständig. „Das war mal eine ungewöhnliche Aufgabe“, sagte er. Mithilfe eines Krans wurden die menschlichen Überreste an den neuen Standort verlagert. Das war keine leichte Aufgabe, schließlich musste alles gut gemessen, gewogen, berechnet und statisch geprüft werden. Eine Kiste wiegt rund 120 Kilo plus 300 Kilo Knochen-Inhalt. Also 2100 Kilo menschliche Knochen. In den acht Kisten liegen mindestens 250 Schädel, schätzt Pfarrer Dr. Volker Mantey. Hinzu kommen viele große Knochen: Oberschenkel, Rippen, Becken, Schlüsselbeine.

„Wir haben damit eines der größten Beinhäuser im mitteldeutschen Raum“, berichtet der Pfarrer. Diese Aussage hat ihm das Museum für Sepulkralkultur erteilt. Und diese Besonderheit soll künftig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, etwa beim Museumstag, beim Stadtfest oder mal nach dem Sonntagsgottesdienst. Dafür soll nun eine Besucherplattform errichtet werden. Der Aufgang erfolgt über den Kirchturm und führt auf Wartungsgängen mit Handläufen übers Gewölbedach.

Die ältesten Gebeine sind jahrhundertealt: Sie stammen vermutlich aus der Zeit des Kirchenbaus, also aus dem 14. Jahrhundert. Denn damals wurde neben der Spangenberger Stadtkirche der Friedhof eingerichtet. Musste die Grabstelle aus Platzgründen neu belegt werden, wurden die restlichen Knochen unterm Kirchendach gelagert.

Nach Angaben von Pfarrer Dr. Volker Mantey wurde dies bis zum Jahr 1888 praktiziert: Dann wurde der Friedhof an der Stadtkirche geschlossen. Seitdem werden die Spangenberger Toten auf dem neuen Friedhof unterhalb des Schlosses bestattet.

Und im Laufe der Jahrzehnte ging das Wissen verloren, dass unterm Spangenberger Kirchendach die Gebeine der Toten gelagert wurden. Erst bei der Kirchensanierung tauchten sie wieder auf.

Um Details über die Toten zu erfahren, müssten aufwändige Untersuchungen her. Pfarrer Mantey hat bereits Kontakt zur Gerichtsmedizin der Universität Gießen aufgenommen. Diese können neben Knochenanalysen auch per Sichtanalyse erste Erkenntnisse über Todesursache, Gesundheitszustand und Geschlecht der Toten liefern. Bislang hat es terminlich noch nicht geklappt, sagt Mantey.

Die Gebeine wurden an zwei Standorten auf dem Kirchendach entdeckt: Die meisten lagen überm Südschiff und wenige über dem heutigen Nord-Eingang. Dort war einst kein Eingang, stattdessen war dies der Standort der Tumba für die Landgräfin Anna von Hessen. Dies ist übrigens das einzige landgräfliche Hochgrab außerhalb der Marburger Elisabethkirche.

Da an diesem besonderen Standort deutlich weniger Gebeine gefunden wurden als überm Südschiff, geht Pfarrer Mantey davon aus, dass es sich hierbei um Verstorbene des früheren Karmeliterklosters (1357-1526) handelt.

Von Claudia Feser

Quelle: HNA

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