Im Juni 1933 entstand in Breitenau ein Konzentrationslager – Sonntag Vortrag

Gefangen im Mittelschiff

Das Kloster Breitenau und die documenta 13: Im Nordflügel des Kulturbahnhofs war im vergangenen Jahr eine Arbeit von Clemens von Wedemeyer zu sehen, die sich mit dem Benediktinerkloster Breitenau auseinandersetzt. Archivfoto: Malmus

Guxhagen. Im März 1933, unmittelbar nach dem Reichstagsbrand, setzte im gesamten Deutschen Reich eine riesige Verhaftungswelle von politischen Gegnern und zu Volksfeinden erklärten Menschen ein. Innerhalb weniger Monate wurden Zehntausende von Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaftern verhaftet, aber auch zahlreiche Juden befanden sich unter den Verfolgten. Viele der Verhafteten wurden von SA- und SS-Angehörigen, die zur Hilfspolizei ernannt worden waren, öffentlich durch Ortschaften und Städte getrieben, angeprangert und schwer misshandelt. Um die Gegner vor aller Augen zu erniedrigen, wurden sie in zahlreichen Fällen mit Schildern um den Hals herum geführt, so in Spangenberg der KPD-Angehörige Valentin Gabel. Als Folterstätten dienten Vereinslokale der SA oder auch konfiszierte Gebäude der Arbeiterbewegung. In unserer Region wurden in der Walkemühle bei Adelshausen und Karlshof in Wabern Menschen schwer misshandelt.

Im Mittelschiff der Kirche

Durch die Massenverhaftungen waren die Polizeigefängnisse sehr bald überfüllt, und daraufhin wurden im Frühjahr 1933 die ersten „Konzentrationslager für politische Schutzhäftlinge“ eingerichtet. Am 16. Juni 1933 entstand in Breitenau das zentrale Konzentrationslager für Gefangene aus dem gesamten Regierungsbezirk Kassel. Die politischen Gegner sollten im Lager gequält und eingeschüchtert werden, damit sie sich dem NS-Staat unterordnen. Untergebracht waren sie im Mittelschiff der Klosterkirche, hinter der Orgelwand der Gemeindekirche; als der Platz nicht mehr ausreichte, wurde auch das ehemalige Landarmenhaus mit benutzt.

In der Zeit vom Juni 1933 bis zum März 1934 waren 470 überwiegend politische Gegner aus etwa 140 hessischen Ortschaften im Konzentrationslager Breitenau inhaftiert. 27 der Gefangenen kamen aus dem Gebiet des heutigen Schwalm-Eder-Kreises. Unter ihnen befanden sich der frühere SPD-Landrat von Fritzlar und Ziegenhain, Heinrich Treibert, der ehemalige KPD-Unterbezirksleiter Ernst Schädler aus Frielendorf und der spätere Gewerkschaftssekretär (DGB) für den Kreis Melsungen, Martin Greiling. Während des Krieges wurde er erneut verhaftet und war fast ein Jahr im Zuchthaus Berlin-Plötzensee inhaftiert. Nach dem Krieg war Martin Greiling auch Mitbegründer der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft in Melsungen. Unter den Häftlingen des frühen KZ Breitenau befanden sich auch die jüdischen Gefangenen Sally Stern aus Niederurff, Willi Stern aus Zimmersrode und Max Spier aus Zwesten.

Langer Verfolgungsweg

Die meisten Gefangenen wurden nach einigen Wochen wieder entlassen, aber für viele war es der Beginn eines langen Verfolgungsweges. Außerdem wurde etwa jeder fünfte Gefangene von Breitenau in die ersten zentralen Konzentrationslager Börgermoor, Esterwegen, Sonnenburg und Lichtenburg deportiert. Unter ihnen befand sich auch Ludwig Pappenheim, der stellvertretende SPD-Landrat aus Schmalkalden. Am 4. Januar 1934 wurde er, wie es in einer offiziellen Mitteilung hieß, „bei einem Fluchtversuch aus dem Lager Börgermoor erschossen“. Im März 1934 wurde das Konzentrationslager Breitenau aufgelöst, und bald darauf wurde mit dem Aufbau von neuen KZ-Lagern unter der Leitung der SS begonnen, die sich zu immer größeren Mordstätten entwickelten. • Termin: Ein Vortrag mit Führung zum Thema lautet: Von Menschen in Breitenau, die sich nicht beugten. Beginn ist am Sonntag, 16. Juni, um 15 Uhr in der Gedenkstätte Breitenau. Referent ist Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar. Er war von 1975 bis 2005 Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Kassel und Initiator und Mitbegründer.

Von Gunnar Richter

Quelle: HNA

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