Erstes Argumentationstraining gegen Stammtischparolen – Weitere Kurse geplant

Gegen die Sprachlosigkeit

An Stammtischen wird so manche Parole verbreitet: Unser Bild zeigt die Schauspieler Sibylle Mumenthaler und Thomas Hof. Foto: Archiv

Schwalm-Eder. „Ausländer nehmen uns die Arbeit weg.“ Dieser Satz sitzt. Darauf zu reagieren, fällt vielen Menschen schwer. Statt dem Gegenüber mit Argumenten entgegen zu treten, schweigen viele. Was folgt, ist oft Sprachlosigkeit und das Gefühl, nicht richtig reagiert zu haben. Gegen dieses Sprachlosigkeit kämpft Jürgen Schlicher, Argumentationstrainer aus Duisburg.

„Diskriminierung, Ausgrenzung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit begegnen uns fast tagtäglich in der Schule, auf der Straße, am Arbeitsplatz, im Jugendclub oder in der Disko. Jeder kennt Situationen, in denen Menschen, nur weil sie aus einem anderen Land kommen oder anders aussehen, mit platten Parolen und Sprüchen beschimpft werden“, so Stephan Bürger vom Projekt „Gewalt geht nicht!“ des Schwalm-Eder-Kreises. Zeit, das zu ändern. Deshalb hatte Bürger zu einem Argumentationstraining gegen Stammtischparolen in die Alte Mühle nach Gombeth geladen. Das Interesse an dem Seminar war so groß, dass es eine Warteliste gab und es im nächsten Jahr wohl einen weiteren Kurs geben wird.

Training kann helfen

Das Training soll den Teilnehmern aus Schule, Jugendarbeit und Co. dabei helfen, in solchen Situationen zu bestehen. „Wir erarbeiten Werkzeuge, um in solchen Situationen nicht hilf- und sprachlos zu sein.“ Und dabei gehe es nicht nur um die Diskriminierung von Ausländern. Auf dem Schulhof sei „du Spasti“ ein Schimpfwort, und auch Beschimpfungen ob der sexuellen Orientierung seien alltäglich – nicht nur bei Jugendlichen.

Helfen könne zum Beispiel, wenn man nachfrage, riet Schlicher. Etwa: „Woher weißt du, dass uns Ausländer die Arbeitsplätze wegnehmen?“ Schließlich könne man Arbeit nicht einfach wegnehmen, sondern müsse sich dafür bewerben. Und nachweislich sei es auch so, dass Ausländer bei Bewerbungen eher diskriminiert würden und schlechtere Karten hätten als Deutsche. Viele Ausländer würden vielmehr Arbeitsplätze schaffen.

„Es kann auch helfen, wenn man eine Parole umkehre: Deutschland ist Exportmeister und viele Ausländer kaufen unsere Produkte. Ausländer investieren also in Deutschland“, so Schlicher. Es gehe darum, Vorurteile aufzudecken und festgefahrene Strukturen aufzubrechen, erklärt er: „Damit dieser bräsige Brei keine Nahrung erhält.“

Klar wurde aber auch schnell, dass es nicht ein Rezept gibt, wie man darauf reagiert. Wichtig sei in jedem Fall, dass man solche Aussagen nicht stehen lasse. Und auch, dass man selbst die Gesprächsführung übernimmt.

Schlicher kritisiert, dass es in Deutschland keine vorurteilsbewusste Pädagogik gebe. „In der Ausbildung fehlt die interkulturelle Kompetenz“, sagt er. Daher fehle es vielen Multiplikatoren aus Kirche, Schule, Jugendhilfeeinrichtungen und Co. an dem nötigen Rüstzeug, um unmittelbar auf Alltagsrassismus zu reagieren.

Für Schlicher ist klar, dass es auch im Schwalm-Eder-Kreis noch viel Arbeit gibt, um Stammtischparolen erkennen zu können und auch die Gefahr, die sich hinter diesen dumpfen Parolen verberge.

Von Maja Yüce

Quelle: HNA

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