Licht und Wärme ins Nest durch kurze Getreidehalme

Gelber Bauch im Acker

Schafstelzen-Männchen sind an der leuchtend gelben Unterseite und dem grauen Kopf mit einem weißen Überaugenstreif leicht zu erkennen

Schwalm. In kaum einem anderen Lebensraum liegen Fluch und Segen des menschlichen Wirtschaftens so dicht beieinander wie in der Ackerlandschaft. Die Einführung der Landwirtschaft ermöglichte vielen Tier- und Pflanzenarten die Besiedlung des zuvor waldbedeckten Mitteleuropas. Mittlerweile bedroht die intensive Bewirtschaftung aber das Überleben vieler Arten.

Nur eine einzige Vogelart profitiert von der Landbewirtschaftung: Die sperlingsgroße, unterseits leuchtend gelb gefärbte Schafstelze. Der auffällige Zugvogel, der derzeit regelmäßig in der weiten Ackerlandschaft zwischen Schwalmstadt und Willingshausen beobachtet werden kann, war in den 1970er-Jahren in Hessen fast ausgestorben. Seine ursprünglichen Lebensräume, die nassen Feuchtwiesen, wo die Stelzen gerne bei Schafen oder Rindern Nahrung suchten, waren restlos trocken gelegt worden. Und wie die Bestände von Weißstorch, Kiebitz und der anderen Feuchtwiesenvögel ging auch die Zahl der Schafstelzen sprunghaft zurück.

Während es seit etwa 15 Jahren praktische keine Brutvorkommen der Schafstelze in hessischen Feuchtgebieten mehr gibt, siedelten sich in den 1980er Jahren erste Paare in der Ackerlandschaft an. Hier hat sich die Schafstelze derart ausgebreitet, dass wieder mehr als 10 000 Paare in Hessen brüten. Allein in den Äckern zwischen Ziegenhain und Wasenberg sind es mehr als 150 Paare.

Über die Ursachen der Lebensraumumstellung vom Sumpfgebiet auf Ackerflächen rätseln Vogelkundler. Wahrscheinlich ist: Schafstelzen suchen von allen Singvögeln im Offenland den größten Raum zur Nahrungssuche ab. Nicht selten fliegen sie mehr als 1000 Meter zu Nahrungsquellen. Die Tiere können das niedrige Nahrungsangebot dadurch kompensieren.

Schafstelzen sind nicht schon früher zu erfolgreichen Ackervögeln geworden, weil erst seit den 80er-Jahren das Getreide als Brutplatz ausreichend kurz gezüchtet und gespritzt wird. Die einst oft über ein Meter hohen Getreidehalme ließen kaum Licht und Wärme zu den Bodennestern, so dass die meisten Bruten scheiterten. Erst in den vergangenen Jahrzehnten bleibt das Getreide und die Schafstelzen können erfolgreich brüten. Das hat sie vor dem Aussterben bewahrt.

Von Stefan und Heinz Stübing

Quelle: HNA

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