Während Hausschlachtung

Herbst 1989: Walter Friedrich  zahlte Begrüßungsgeld an DDR-Bürger 

Erinnerungen: Die Trabbikarawane rollte in den Schwalm-Eder-Kreis; hier begrüßte der damalige Frielendorfer Bürgermeister Gerhard Weitzel (Mitte) die Ankömmlinge. Archivfotos: nh

Willingshausen. Im Herbst 1989 stieg die Zahl der Besucher in Willingshausen rasant an. Denn es gab neue Reisemöglichkeiten. Für die Besucher aus der ehemaligen DDR gab es 100-Mark-Begrüßungsgeld. Das wurde auch schon mal bei einer Hausschlachtung überreicht. Der ehemalige Verwaltungsbeamte Walter Friedrich erinnert sich.

Er weiß noch genau, dass er an den Wochenenden die Auszahlung des Begrüßungsgelds von zu Hause aus organisiert hatte.

Am Willingshäuser Rathaus im Ortsteil Wasenberg war ein Hinweisschild angebracht worden, so dass die Besucher ganz einfach bei den Friedrichs im Wohnzimmer in Zella das Begrüßungsgeld erhielten. Während einer Hausschlachtung an einem Samstag zog der Zellaer jedes Mal seine Gummistiefel aus, wenn Besucher aus der DDR kamen. Er ging ins Wohnzimmer, trug alle Daten in die Liste ein, machte einen Vermerk im Ausweis der Besucher, ließ sich den Erhalt der 100 Mark quittieren und dann wurde weiter geschlachtet. Da der Ansturm immer größer wurde, erkannte er, dass das vorrätige Geld nicht reichen würde.

Walter Friedrich aus Zella zahlte das Begrüßungsgeld ganz unbürokratisch aus.

Spontan rief Friedrich den Kassenverwalter Jürgen Steinbrecher an. Der lieh sich einige Hundertmarkscheine bei der benachbarten Gaststätte und brachte sie für weitere Auszahlungen nach Zella. Am folgenden Arbeitstag wurde dann alles ordentlich verbucht und wieder zurückgezahlt, berichtet Friedrich. Bei einer Gruppe sei eine ältere Frau gewesen, die bis zum Schluss auf die Auszahlung wartete. Sie erzählte Walter Friedrich die Geschichte von ihrem behinderten Enkel. Da der Enkel nicht reisefähig war, hatte sie nur den Ausweis mit einem zusätzlichen Bild dabei und fragte, ob sie nicht auch für den Enkel das Begrüßungsgeld erhalten könne. Ganz unbürokratisch und spontan entschied der Zellaer, ihr den Wunsch zu erfüllen und das Begrüßungsgeld auszuzahlen. Im Ausweis wurde der Vermerk angebracht. „Mit Tränen in den Augen hat sie sich mehrfach bedankt, und ich hatte meine gute Tat für diesen Tag getan“, meint Friedrich.

An eine weiteres Vorgehen im Rathaus erinnert sich der 68-Jährige: Wenn jemand Verwandte in der Bundesrepublik hatte, konnte er von der Gemeindeverwaltung der Verwandten einen entsprechenden Reisepass erhalten und mit diesem in Westeuropa umherreisen. So hat es auch ein Bruder des Willingshäuser Altbürgermeisters getan. Die Reisepässe des Ehepaares lagen im Tresor der Gemeinde, und wenn sie zu Besuch kamen, wurden sie ausgehändigt und sie konnten reisen. Vor der Rückreise in die DDR wurden die Pässe wieder sicher verwahrt. (syg)

Quelle: HNA

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