Musiker und Kabarettist Sebastian Krämer gastierte in der Treysaer Hospitalskapelle

Gemeinheiten am Klavier

Akademie der Sehnsucht: So heißt das aktuelle Programm, mit dem Sebastian Krämer derzeit unterwegs ist. Am Samstag kam er auf Einladung des Kulturvereins nach Treysa. Foto: Rose

Schwalmstadt. Ob Sebastian Krämer nun Musiker, Kabarettist, Conferencier, Dichter oder Denker ist – das ließ der Berliner am Samstagabend in Treysa bewusst offen. Krämer gastierte auf Einladung des Vereins Kultur vor Ort in der Hospitalskapelle: mit seinem Programm „Akademie der Sehnsucht“.

Der Liedermacher, doppelte deutsche Poetry-Slammeister und Gewinner des Deutschen Kleinkunstpreises für Chanson ist ein netter junger Mann. Eine Mischung aus Unscheinbarkeit und dem Traum aller Schwiegermütter. Dass der Eindruck böse täuschen kann, wird schnell klar. Aber auch, dass er mit Genuss eben jenes Klischee gern und ausgiebig bedient. Krämer haftet bei jedem seiner Lieder und Texte eine gewisse Melancholie an – „Sehnsucht geht nicht weg. Sie ist nicht an ihrer eigenen Abschaffung interessiert“, philosophiert er. „Sehnsucht ist die Pflege einer Mangelempfindung“, diktiert Krämer seinem Publikum.

Romantischer Teil

Dabei muss Sehnsucht nicht immer melancholisch sein: Der Berliner variiert und amüsiert, karikiert und persifliert – jedoch ohne den guten Ton zu verletzen. So erzählt „Sehnsucht ist gemein“ vom Sekundär-Liebeskummer. „Sie merken, wir sind im romantischen Teil des Abends angekommen“, erklärt er. Unterstützt wird er dabei von Bruder Felix am Cello: „Das Instrument hat schöne Löcher, da kommt die Emotion raus.“ Nach einem charmanten Halbsatz und dem süßlichen Klavier-Intro steht da plötzlich Annika. Und die will eines gar nicht – Liebesbekundungen auf Spruchbändern.

Die Zuhörer lernen: „Sehnsucht ist gemein, wir fallen immer wieder auf sie herein. Sie ist ein Flummi-Automat, trau ihr nicht. Der Flummi, den du siehst, ist nie der Flummi, den man kriegt“. Und weiter spricht es, das gebrochene Männerherz, „ein Lied zum Schutz der männlichen Seele, das von Herzensbrecherinnen erzählt.“ Der romantische Teil endet dann so abrupt, wie überraschend.

Schöngeistige Randbereiche

Ehe sich die Gäste versehen, beweist Krämer, dass sich die Kleinkunst selbst auf Themen wie die Volkshochschule herunter brechen lässt. „Eine Liebeserklärung an die schöngeistigen Randbereiche.“ Manchem Gast bleibt dann das Lachen allerdings im Halse stecken. „Ich habe mein eigenes christliches Lied“, kündigt der Berliner an: „Mitleid mit Satan.“ Krämer hat ein feines Gespür für sein Publikum. „Schön, dass sie noch da sind“, kommentiert er im Anschluss, nicht ohne nachzulegen. „Man weiß sonst hier einfach nicht, wo man sonst hin soll.“

Das Gemeine ist, dass man Krämers Pointen nicht kommen sieht. Seine Boshaftigkeit ist doppelbödig, seine Bissigkeit subtil. „Im Kabarett muss man immer so böse sein – das ist gar nicht meins“, erklärt er unschuldig. Dann ist Krämer wieder nett. Und gibt noch zwei Zugaben.

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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