Sie floh mit neuem Partner vor gewalttätigem Ehemann

30 Jahre auf einer einsamen Insel: Gerda Ewald lebte wie im Roman

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Die Aussteiger waren Ziel von Seglern und Reportern: Gerda Ewald und ihr damaliger Lebenspartner auf der Insel San José vor Panama.

Kleinenglis. Die einen träumen davon und tun es nie. Sie träumte nie davon und tat es doch: Gerda Ewald stieg 1980 auf ein Boot und segelte los.

Ohne Plan und ohne Ziel. 30 Jahre lebte sie auf einer einsamen Insel vor der Küste Panamas. Jetzt ist sie zurück gekehrt. Die 76-Jährige lebt frisch verheiratet in Kleinenglis. Es ist das dritte Leben der Gerda Leve Ewald.

Das erste Leben

Das Abenteuer begann auf einer Butterfahrt. Gerda Ewald war 42, als sie mit ihrer Mutter über die Ostsee schipperte und dabei von einem Mann zum Tanz aufgefordert wurde. Der hieß Dieter Zeisler, war zehn Jahre älter und hatte einen Traum: Er wollte alles hinter sich lassen, die Welt umsegeln, nie mehr zurück kommen.

Die Hamburgerin hatte damals drei erwachsene Kinder, keinen Beruf und einen Mann, der eigentlich nur zwei Dinge gut konnte: trinken und prügeln. Gerda Leve, wie sie damals hieß, hörte auf der Butterfahrt von Dieter Zeislers Traum und machte ihn zu ihrem - nur weg von diesem Trunkenbold und Schläger. Zwei Worte hatte sie am Ende für ihn: „Bin weg“, schrieb sie auf einen Zettel. Die Kinder wussten Bescheid, ihr Mann tobte, suchte sie jahrzehntelang, aber fand sie nie. Das erste Leben war vorbei.

Das zweite Leben

Das zweite Leben bot das, was ihr das erste verwehrt hatte. Einen guten Mann an ihrer Seite und absolute Freiheit. Dieter Zeisler hatte geerbt, ein Boot gekauft und 20.000 Mark übrig. „Das reichte natürlich nicht“, sagt Ewald. „Aber uns ging es um Freiheit, nicht um Luxus.“ Drei Jahre lang segelten sie über die Meere, suchten überall die Insel, auf der Dieter Zeisler seinen Traum vom Robinson-Crusoe-Leben verwirklichen konnte. Segler berichteten ihnen von den unbewohnten Perleninseln vor der Küste Panamas - es klang wie das Paradies.

Gerda Leve und Dieter Zeisler setzten die Segel und kamen in San José an - einem Eiland, auf dem es nichts und niemanden gab. Das Eldorado für das Paar, das dort fast 30 Jahre lebte.

Der Alltag

Schluss mit dem ewigen Fisch: Die beiden bauten Bananen an (die die Papageien fraßen) und Kartoffeln (die die Wildschweine ausgruben), sie züchteten Hühner (die die Krokodile holten) und sie genossen das Meer, die Sonne und den Strand (bis abends die Sandfliegen kamen). Aber auch, wenn es mühsam war: „Ich bin aufgegangen in diesem freien Leben“, sagt Ewald. „Ich war so erfüllt wie nie.“

Während Dieter Zeisler alle paar Monate die 50 Kilometer bis zur Küste tuckerte und Nachschub oder die Post holte, blieb Gerda meist allein zurück. Sie hat die Insel jahrzehntelang nicht verlassen. Dennoch hatte sie Kontakte: Unter Seglern sprach sich schnell herum, dass es auf San José nette Aussteiger gab, die leckere Früchte verkauften. Viele gingen dort für ein paar Tage vor Anker, auch Reporter, die Artikel für Stern, Bild, Spiegel schrieben. Immer ohne Nachnamen zu nennen - damit ihr Mann sie nicht fand.

Das Ende

„Es war ein fantastisches Leben“, sagt Gerda Ewald. Eines, das weder Heimweh noch Sehnsucht kannte, eines, das nur vom Hier und Jetzt bestimmt war. Bis Dieter Zeisler im Juni 2009 mit über 80 Jahren starb. Gerda blieb, doch allein konnte sie nicht überleben. Im Mai 2012 kam sie von Panama nach Bad Zwesten. „Das war ein Kulturschock.“

Das dritte Leben

Das neue Leben von Gerda Ewald begann 2012 im Bewegungsbad Bad Zwesten. Zurück aus Panama war die 73-Jährige in den Kurort zu ihrer Tochter gezogen. Sie kannte niemanden, saß oft allein zu Hause. „Geh‘ doch mal ins Schwimmbad, da triffst du nette Menschen“, riet die Tochter. Sie hatte Recht: Schon beim ersten Besuch traf ihre Mutter einen besonders netten Menschen: Hans Ewald.

Sie kamen ins Gespräch, merkten schnell, dass sie sich gut verstanden. Hans Ewald war schon lange Witwer, lebte allein in seinem Haus in Kleinenglis.

Hans Ewald hört seiner Frau gerne zu, wenn sie von ihrem Leben auf der einsamen Insel erzählt.

Er war glücklich über die neue Frau in seinem Leben und machte kein langes Federlesen: „Willst du mich heiraten?“, fragte er sie im Frühjahr 2013. Dass er der älteste Bräutigam war, der je in Borken vorm Traualtar gestanden hatte, war beiden völlig gleich: Im Juni, nur einen Tag vor seinem 91. Geburtstag, sagten sie Ja zueinander. Eine gute Entscheidung: „Wir sind rundum glücklich“, sagen die Ewalds heute.

Für Gerda Ewald ist es die zweite Ehe und damit das dritte Leben. Mit 42 verließ sie Hamburg, mit 72 kam sie aus Panama zurück, jetzt ist sie in Kleinenglis endgültig angekommen.

Das neue Leben gefällt ihr gut, auch wenn es ein deutlich höheres Tempo als das auf der Insel hat. Es erstaunt sie immer noch, dass jeden Tag Briefe im Kasten liegen: In San José kam die Post bestenfalls alle drei Monate, ihre Weihnachtspost erhielt sie meist erst Ostern.

Es ist vieles neu für sie: Während sie auf der Insel vor Panama Papaya anbaute und Fische fing, kamen Computer, CDs, Handys, Kaffeevollautomaten, Flachbildschirme und viele andere Neuheiten auf den Markt. Alles Sachen, an die sie sich erst langsam gewöhnen musste.

Wie ans Autofahren. Sie tuckert mit 60 durch die Gegend, schaltet selten höher als in den dritten Gang. „Man kann es mit der Eile auch wirklich übertreiben“, sagt sie. Nach 30 Jahren auf einer einsamen Insel bleibt ihr eines: Gelassenheit.

Quelle: HNA

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