Heute 70 Jahren: Die Deportation aus dem Altkreis Ziegenhain am 30. Mai 1942

Vor 70 Jahren: Die Deportation aus dem Altkreis Ziegenhain am 30. Mai 1942

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Ein Foto aus glücklichen Tagen: Niemand konnte sich in diesem friedlichen Sommer 1938 vorstellen, dass von diesen lachenden Menschen vier Jahre später nur noch Max Nussbaum, der kleine Junge im Vordergrund, am Leben sein würde.

Schwalm. Der 30. Mai war ein Sonntag. Die Menschen saßen noch beim Frühstück, als in Oberaula und Neukirchen, in Ziegenhain und Treysa kleine Gruppen von Männern, Frauen und Kindern unter Begleitung des Ortsgendarmen zum Bahnhof laufen mussten.

Sie waren schwer bepackt, hatte man ihnen doch eine „Umsiedlung“ an einen unbekannten Ort „im Osten“ vorgegaukelt und die Mitnahme diverser Haushaltsgegenstände angeraten. In Neukirchen waren den älteren Frauen zwei Jungen aus der Nachbarschaft behilflich. Sie transportierten einen Teil des Gepäcks auf einem Handwägelchen zum Bahnhof.

„Wir beiden Jungen glaubten uns am Ziel. Frau Sonn beschied uns aber zum Güterverladebahnhof. Dort stand ein Zug mit mehreren Viehwaggons an der Verladerampe. In einen wurde das mitgebrachte Gepäck verladen, in den anderen mussten die Juden steigen“, berichtete der spätere Bürgermeister Friedhelm Walper.

In Neukirchen lebten Anfang 1942 noch vier jüdische Familien. Am 30. März 1942 war ihnen die Deportationsaufforderung zusammen mit einem Fragebogen zu Besitz und Vermögen zugegangen. Darin waren nicht nur Bargeld oder Sparguthaben, sondern auch die Anzahl der Unterhosen, Bettvorleger und eingeweckten Vorräte genauestens aufzulisten.

Nur wenige Tage später gingen in Neukirchen beim damalige Bürgermeister Justus Ritter schon die ersten „Wunschzettel“ diverser Nachbarn ein. Darin wurde von den Schnäppchenjägern genauestens aufgelistet, welche Gegenstände sie nach der Abholung der Juden aus welchem Haushalt erwerben wollten. Auch das Finanzamt stand schon bereit, um für seine Räumlichkeiten diverse Gegenstände aus jüdischem Besitz einzufordern - bis hin zu einem Sessel und zwei Reisedecken.

In Oberaula lebten bis zum 30. Mai 1942 noch zwölf Nachbarn jüdischen Glaubens: Die Familie des David Wallach mit den Kindern Bettina und Edith, die Witwe Meta Heilbrunn sowie die zwei Familien Isaak. Max Isaak war mit 63 Jahren der Älteste dieses Deportationstransportes aus der Schwalm. Die Jüngste war seine Enkeltochter Rahel Isaak. Sie war erst sieben Jahre alt - und hatte noch vier Tage zu leben.

Nur wenige Zeugnisse sind von diesen Menschen erhalten geblieben, manchmal nur ein Brief in ungelenker Kinderschrift, manchmal ein Foto aus glücklichen Tagen, und oft genug gar nichts - nur die Erinnerung.

Auch deshalb sollten wir Nachgeborenen uns an diesem 30. Mai an die ermordeten jüdischen Nachbarn aus der Schwalm erinnern.

Von Barbara Greve

Quelle: HNA

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