Bischof Hein spricht im Interview über moderne Medizin und warum deren Möglichkeiten nicht ausgeschöpft werden sollten

„Es gibt kein Recht auf gesunde Kinder“

Zu Gast in Hephata: Bischof Martin Hein sprach über seine ethische Bedenken gegenüber Gentests bei Embryos. Foto: Ludwig

Treysa. Bei der PID geht es um ein Verfahren, dass es ermöglicht, Embryonen, die durch künstlichen Befruchtung gewonnen wurden, vor der Einpflanzung in die Gebärmutter auf Erbkrankheiten zu untersuchen. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes aus 2010 ist dieses Verfahren in Außnahmefällen erlaubt. Im Juni will der Bundestag deshalb über einen Gesetzesentwurf, der die Gentests bei Embyros regelt, entscheiden.

Wie stehen Sie zur Präimplantationsdiagnostik?

Bischof Martin Hein: Ich habe eine restriktive Haltung dazu: Ich bin gegen eine Nutzung. Denn auch wenn wir diese Untersuchung nur für bestimmte Fälle zulassen, begeben wir uns auf eine schiefe Ebene. Es gibt nicht ein bisschen Präimplantationsdiagnostik. Sondern: es gibt sie, oder es gibt sie nicht.

Sie befürchten, dass eine Zulassung in Ausnahmefällen dazu führt, dass die Schranken für einen flächendeckenden Einsatz fallen?

Hein: Man wird die Entwicklung nicht einfangen können. Die diagnostisch vorher festgelegten Krankheitsbilder, bei denen eine Untersuchung zulässig ist, werden sich ausweiten.

Kritiker bezeichnen die PID als Diskriminierung von Behinderten. Wie sehen Sie das?

Hein: Motiv für eine Befürwortung dieser Untersuchung ist es, das Genom der verschmolzenen Ei- und Samenzelle auf bestimmte Krankheitsbilder untersuchen zu können, um so ein möglichst gesundes Kind zu erzeugen. Nun ist dies nicht verwerflich, ich habe mich als Vater auch über gesunde Kinder gefreut. Aber: In diesem Fall dient das so genannten Screening des Embryos dazu, ihn von vorneherein – also vor der Einpflanzung in die Gebärmutter – zu verwerfen oder für gut zu befinden. Das heißt, wir entscheiden, was gesund ist und was für eine Gesellschaft oder Familie nicht erträglich ist.

Welche Folgen hat dies?

Hein: Es könnte sich ein Klima entwickeln, in dem Eltern und Ärzten die Last aufgelegt wird, zu entscheiden, ob ein Leben lebenswert ist. Der Hintergrund ist der, dass viele Eltern nicht glauben, dass sie die Behinderung eines Kindes ertragen können. Auf der anderen Seite entsteht ein gesellschaftlicher Druck. So würde für einige die Frage präsent: Warum soll eine Gesellschaft die erheblichen Kosten, die durch die Pflege eines Behinderten verursacht werden, tragen, wenn eine Abtreibung möglich gewesen wäre?

Das heißt, Behinderung wird zur Kostenfrage?

Hein: Der volkswirtschaftliche Druck auf Eltern behinderter Kinder wird wachsen.

Wie lässt sich dies Müttern erklären, die nach einer künstlichen Befruchtung ein schwerbehindertes Baby gebären?

Hein: Bei der PID geht es nur um wenige hunderte Fälle im Jahr. Wir beschäftigen uns bei der Diskussion nicht um einzelne Fälle, sondern um die Frage: Was passiert bei einer Öffnung der medizinischen Möglichkeiten? Meine Antwort: Wir müssen nicht alle Möglichkeiten nutzen.

Stellen Sie die künstliche Befruchtung insgesamt in Frage?

Hein: Ich halte sie für problematisch. Kinderlosigkeit bedeutet heute keine Stigmatisierung mehr. Zudem gibt es andere Möglichkeiten wie die Adoption. Es gibt kein Recht auf ein Kind, und es gibt erst Recht kein Recht auf ein gesundes Kind.

Aber geht dies nicht an einer Realität vorbei, in der sich immer mehr Frauen mit 40 ihren Kinderwunsch erfüllen?

Hein: Ich halte diese Entwicklung für fragwürdig.

Aber gibt es nicht dennoch eine Diskrepanz? Schließlich dürfen Schwangere, wenn eine Behinderung ihres Kindes festgestellt wird, dieses in bestimmten Fällen abtreiben.

Hein: Grundsätzlich gilt erst einmal: Nicht bei jeder medizinischen Indikation, die auf eine Behinderung hindeutet, ist eine straffreie Abtreibung möglich. Der Unterschied ist der, dass es sich bei der vorgeburtlichen Untersuchung um ein Leben handelt, das im Leib der Mutter heranwächst. Es gibt also einen unmittelbaren Konflikt zwischen der Mutter und dem ungeboren Leben. Bei der PID entsteht das Leben in der Petrischale, dort kann ein solcher Konflikt nicht hergestellt werden.

Sind Sie generell dagegen, sich vorab ein Bild von dem ungeborenen Leben zu machen?

Hein: Ich finde, es gibt es ein Recht der Eltern auf Nichtwissen. Werdende Mütter werden heutzutage allzu selbstverständlich mit pränataler Diagnostik konfrontiert. Es ist ausgesprochen selten, dass Eltern nicht wissen wollen, welches Geschlecht ihr Kind hat, ob es Krankheiten oder Behinderungen hat. Dabei sind diese Untersuchungsergebnisse in Teilen nur Prognosen.

Was sagen Sie Befürwortern der PID?

Hein: Meine klare Position ist nicht als Diffamierung anderer Positionen zu verstehen.

Von Bastian Ludwig

Quelle: HNA

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