Buchvorstellung: Autorin Barbara Greve erzählt die Geschichte Neukirchener Juden

Gier und Gleichgültigkeit

Eine kleine Stadt in Hessen: So heißt das neue Buch von Barbara Greve, hier mit Verleger Winfried Jenior (Mitte) und Professor Dietfrid Krause-Vilmar, der die Redaktion übernahm. Foto: Rose

Neukirchen. 100 jüdische Nachbarn lebten 1933 in Neukirchen. Bis 1940 hatten 90 Prozent von ihnen die Stadt verlassen. Für Autorin Barbara Greve war die Erforschung dieser Lebenswege Auslöser für intensivere Recherchen zur NS-Zeit in Neukirchen.

„Eine kleine Stadt in Hessen“ heißt ihr neues Buch, das die Geschichte des jüdischen Lebens und deren Veränderungen unter dem Nationalsozialismus erzählt. Am Dienstag, als sich die Pogrome zum 72. Mal jährten, wurde das Werk im Rathaus vorgestellt.

Greve zeichnet auf mehr als 200 Seiten nach, welchen Einfluss die Nazis auf den Alltag nahmen. Dabei betont sie: „Neukirchen ist nur ein Beispiel für viele andere Städte.“ In Neukirchen selbst gibt es keine Zeitzeugen mehr: „Entweder wollen sie nicht reden oder sie können es nicht mehr“, sagt Greve.

„Das Regime drang wie die Tentakel einer Krake in die Lebensbereiche ein.“

Barbara Greve

Menschen, die als Kinder aus Neukirchen flüchteten, leben heute in Israel, Argentinien und den USA. Mit ihnen hat die Autorin gesprochen. „Ihre Erlebnisse decken sich mit Aktennotizen oder Zeitungsberichten. Für mich sind die Erzählungen ein Faktum“, erläutert die gebürtige Berlinerin, die heute im Gilserberger Hochland lebt. Die Manipulation durch das NS-Regime sei nach und nach in alle Lebensbereiche eingedrungen, „wie die Tentakel einer Krake.“

Unter den christlichen Einwohnern habe sich Gleichgültigkeit und Desinteresse gegenüber ihren jüdischen Nachbarn breit gemacht. „Jede Ankündigung einer Deportation war außerdem mit einer unglaublichen Gier verbunden“, erklärt die Autorin. Gier nach einem Teppich oder einem Beistelltischchen – einem billigen Schnäppchen: „Mich hat diese Unverfrorenheit schockiert“.

Nur wenige Quellen haben sich in den Aktenbeständen erhalten. „Vieles ist bewusst oder unbewusst abhanden gekommen“, sagt Barbara Greve. Von manchen jüdischen Familien blieb nur ein einziges Foto oder ein Kofferschildchen übrig. Sich der Diktatur zu entziehen, sei schwierig gewesen. „Es gibt Hinweise auf humanes Verhalten – aber nur sehr vereinzelt.“

Die Autorin erzählt die Geschichte ohne Wertung oder Anklage: „Das wäre auch vermessen“, findet sie. Die Menschen, die Neukirchen verließen, hegten in ihren Erzählungen nie einen Groll gegen die Stadt, „sondern gegen Einzelpersonen“. Und: „Sie haben nicht vergeben – aber verziehen.“ ARTIKEL UNTEN

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

Kommentare