100 Jahre Erster Weltkrieg: Pfarrer Rainer Knoth referierte über die Gedenkkultur in den Orten rund um Gemeinde Oberaula

Die Glocken wurden zu Kanonen

Vortrag: Dierk Glitzenhirn vom Evangelischen Forum (links) und Pfarrer Rainer Knoth zeigen ein Kriegswahrzeichen aus Ibra. Foto: Rose

Friedigerode. Gedenkorte, die an den Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren erinnern, gibt es in nahezu jeder Gemeinde: Pfarrer Rainer Knoth referierte am Dienstagabend im Dorfgemeinschaftshaus Friedigerode über Gedenkorte rund um Oberaula: das Friedigeröder Ehrenmal, die Stahlglocken in Ibra, das dortige Nagelkreuz und Kriegspredigten aus Oberaula. Organisiert worden war der Abend vom Evangelischen Forum Schwalm-Eder.

Hans Hehr aus Friedigerode erläuterte zunächst den politischen Hintergrund: „Die Entstehung des Ehrenmals war vor dem Aspekt der Inflation schwierig.“ Der Haushalt sei nach Kriegsende sehr belastet gewesen: „Gerade einmal 12 200 Mark standen der Gemeinde 1924 zur Verfügung.“ Um das Ehrenmal kostengünstig anfertigen zu lassen, kam den Gemeindevertretern eine Idee. „Im Ziegenhainer Gefängnis saß ein gelernter Steinmetz – ein französischer Kriegsteilnehmer – ein, der den Auftrag bekam.“ Als das Werk jedoch im Ort eintraf, entdeckten die Friedigeröder, dass das Ehrenmal statt eines deutschen Soldatenkopfes einen eingemeißelten Kopf mit französischem Helm zierte. Nach längerer Diskussion verschwand das Werk zunächst in der Versenkung, erst 1929 wurde es eingeweiht. „Dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag waren die Friedigeröder also um Jahre voraus gewesen“, erklärte Hehr.

Bronze war gefragt

Aus Wahlshausen beleuchtete Knoth die Episode der Glocken aus dem Jahre 1734 und 1714. Im April 1917 habe es eine Bestandsaufnahme gegeben. „Denn man brauchte Glockenbronze für die Rüstung.“ Nachdem man eine der Glocken zunächst als kulturhistorisch wertvoll eingeschätzt habe, kam man nach einer weiteren Bewertung zu einer anderen Einschätzung. „Der Preis von einer Mark pro Kilo Bronze war mittlerweile auf 3,50 Mark gestiegen“, verdeutlichte der Pfarrer. Zwar war den Wahlshäusern von einer „voreiligen Neuanschaffung“ abgeraten worden: Doch davon ließen sich die Bewohner nicht beirren und schafften sogleich zwei neue Stahlglocken an, die bis heute in Betrieb sind. Weiterhin beleuchtete Knoth die so genannten Heimatgrüße, die von örtlichen Pfarrern für die Soldaten an der Front verfasst wurden.

Darin war auch zu lesen, wer gefallen war. Oder eine Auszeichnung erhielt. „Das Eiserne Kreuz 2 wurde im Ersten Weltkrieg fünf Millionen Mal verliehen.“ Thema war auch die Gewinnung weiblicher Arbeitskräfte für die Ernte. „Die Frauen gingen zum Arbeiten in die Stadt, in die Kriegsindustrie.“ Aus Ibra stammt ein Kriegswahrzeichen, das vermutlich Schüler zusammen mit ihrem Lehrer anfertigten, erklärte Knoth: „Das Holzschild hat als Motiv das Eiserne Kreuz und war zum Gedächtnis an Gefallene gedacht.“ Die Tafel wurde mithilfe von unterschiedlich farbigen Nägeln „benagelt“.

Ein Verein für Kriegsbeschädigte rief junge Leute dazu auf, Nägel zu erwerben. Das Geld diente als Spende für Kriegshinterbliebene. „Die Nägel kosteten je nach Farbe zwischen zwei und fünf Pfennig, die goldenen zehn“, sagte Knoth. Die Nagelung habe während des Krieges in nahezu allen Schulen statt gefunden. Das Wahrzeichen in Ibra wurde jedoch nie fertig genagelt.

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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