Kabarett-Wettbewerb: Christoph Tiemann – köstlich; Martin Valenske – angestrengt

Große Gaudi im Bierzelt

Melsungen. Lachkrämpfe auszulösen ist eine Kunst – die Christoph Tiemann und Martin Valenske beim Melsunger Kabarettwettbewerb am Montagabend unterschiedlich gut beherrschten. Was Tiemann spielend gelang, wirkte bei Valenske angestrengt.

In Christoph Tiemanns Händen wurde das Publikum förmlich zu Wachs. Da flossen vor Lachen die Tränen, da wurde gekreischt und geschrien.

Der gebürtige Dortmunder, der als Schauspieler in Münster und Oberhausen arbeitete, ehe er seine satirische Ader entdeckte, war die kabarettistische Offenbarung des Abends. Tiemann, der Psychologie und Religionswissenschaften studiert hat, gewann die Herzen der Zuhörer gleich, als er sich als Gesamtschüler outete („Ich bin froh, dass ich die Uhr lesen kann“), weil Hessen mit Nordrhein-Westfalen das schönste Bundesland ist - auf der ganzen Welt!

Er berichtete von der Bundestagswahl, deren Wahlausgang ihn schockierte. Die FDP ist draußen. „Als Mensch finde ich das gut, aber als Kabarettist? Die haben uns doch ernährt!“

Tiemann, mit Tiroler Hut, verwandelte die Kulturfabrik in ein großes weiß-blau beflaggtes Bierzelt. Das Publikum hing ihm an den Lippen, folgte seinen Anweisungen auf Zwischenrufe wie „Richtig!“, „Pfui“, „Ja“, „Pfundig“. „Wir sind bei der CSU, ich darf Euch bitten, nicht mit rassistischen Zwischenrufen zu sparen!“, so seine letzte Anweisung, ehe er mit halben und unvollständigen Sätzen und Genuschel das Publikum zum Kreischen brachte.

Zweifellos bot auch das erste Soloprogramm von Martin Valenske eine ganze Reihe Spitzfindigkeiten, Satire, Witze und guter Ideen. Nur war alles zuviel. Martin Valenske präsentierte in seinem Programm „Curriculum Vitae Minimalis“ die fiktive Geschichte von Einem aus der Generation Bachelor, der nicht auszog, die Karriereleiter zu erklimmen. Von Einem, dem die Selbstvermarktung nicht liegt und die skurrilen Anforderungen des Berliner Arbeitsamtes noch weniger.

Viele gute Ideen

Valenskes Programm sprudelte nur so von Gedanken, denen man angesichts des Redeflusses kaum folgen konnte. Das wirkte wie auswendig gelernt. Zu staksig war der Vortrag, mit dem es ihm kaum gelang, das Publikum eine Regung zu entlocken. Vielleicht auch deshalb, weil das Publikum in überwiegend gesetzterem Alter die Lebenswelt schlicht nicht kennt, die der 30-jährige Berliner aufs Korn nahm.

Er, der Student der Humboldt-Universität und Inhaber der goldenen Immatrikulationskarte, die es nach 25 Semestern gibt, kam mit einem Lachometer auf die Bühne, das er per Smartphone kalibrieren musste. Dazu sollte das Publikum kräftig applaudieren. Siehe da, „Klatschen auf Befehl klappt nicht nur im Osten“, ulkte er.

Er berichtete über den Eignungstest der Stasi („Aus dem Stand in den dritten Stock springen und sich am Fenster festsaugen“), sein fiktives Gespräch mit der Jobcenter-Sachbearbeiterin über sein Studienfach Soziologie („wie Zoologie, nur mit Menschen“), seine fünf Gebote („Viertes Gebot: Du sollst falsches Zeugnis einreichen, besonders bei Bewerbungen. Fünftes Gebot: Du sollst Dich nicht erwischen lassen“). Charismaberatung, Tipps aus Karriereberatern („Finde raus, wofür Du stirbst“) und warum der Bierpapst Conrad Seidl Erfolgstipps gibt: „Wahrscheinlich weil er nach zehn Maß das Vaterunser in fünf Sprachen rülpsen kann.“ Gesellschaftskritisch und komisch-unterhaltend, Valenske kann Kabarett. Aber weniger, dafür pointiertere Inhalte, hätten seinem Programm gut getan.

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Von Alexandra Lache-Elsen

Quelle: HNA

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