Reiner Volgmann im Interview über die Marienvesper von Claudio Monteverdi

Große, virtuose Musik

Musikalisches Treffen: Bezirkskantor Reiner Volgmann auf dem Fritzlarer Marktplatz neben einer Zeichnung von Claudio Monteverdi, dessen Marienvesper Volgmann aufführt. Montage: Dellit

Fritzlar. Bezirkskantor Reiner Volgmann führt am Sonntag, 29. Mai, ab 19 Uhr in der Evangelischen Stadtkirche die Marienvesper von Claudio Monteverdi auf. Mit dem Kammerchor des Kirchenkreises Fritzlar und der Jungen Kantorei hat er das Werk einstudiert. Dazu kommen Solisten und ein Ensemble aus Berlin.

Wir sprachen mit Volgmann über Monteverdi, die Aufführung und seine Musik.

Sie führen die Marienvesper in der Evangelischen Stadtkirche auf. Das klingt ja eher nach einem katholischen Werk?

Volgmann: Das Stück stammt aus Italien, und die Kirchenmusik dieser Zeit ist natürlich katholisch.

Die Texte stammen aus der Bibel und der Liturgie der damaligen Zeit – und diese Texte passen natürlich sehr gut in eine ehemalige Franziskanerkirche.

Bei dem Begriff Vesper denkt man heute ja eher an ein Frühstück. Im 17. Jahrhundert war das aber ganz anders gemeint, oder?

Volgmann: Eine Vesper im eigentlichen Sinn ist ein Stundengebet. Sie sprechen damit die liturgische Verwendung der Marienvesper an. Das ist ein kontrovers diskutiertes Thema. In einem der Original-Stimmbücher gibt es einen Vermerk: „Vespro […] da concerto“

Wissenschaftler streiten darüber, ob das Werk konzertant oder in einem liturgischen Kontext aufgeführt wurde.

Es ist also mehr als ein Stundengebet?

Volgmann: Dieses Stück ist so prachtvoll komponiert, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es sich in einen – noch so prachtvoll ausgestalteten – Vespergottesdienst schmiegen lässt.

Monteverdi galt als Revolutionär, als Schöpfer der modernen Musik. Können Sie uns erklären, was vor 400 Jahren das Neue an seiner Musik war?

Volgmann: Monteverdi hatte eine starke schöpferische Kraft, mit der er ganz verschiedene musikalische Strömungen zusammenfügen konnte. Einerseits bediente er sich einer ausgesprochen vielstimmigen Schreibart flämischen Stils, die er mit einer affektorientierten, sehr flexibel begleiteten Schreibart, wie sie gerade in Italien erfunden wurde, durchmischt.

Das Ergebnis ist eine umwerfend schöne und ausdrucksvolle Musik, meiner Meinung nach das bedeutendste geistliche Werk des 17. Jahrhunderts.

Wie schwierig ist die Aufführung für die Chöre, die ja aus Laien bestehen?

Volgmann: Sehr schwierig. Viele Chorsängerinnen und -sänger sind in einem anderen Vokabular geübt. Unser erstes Projekt mit dem Kammerchor war die Johannespassion von Johann Sebastian Bach. Ganz viele hatten Erfahrung mit Bach und konnten darauf zurückgreifen.

Monteverdis Stück ist – von zwei Sätzen abgesehen – stimmtechnisch unstrapaziös. Rhythmisch ist es aber äußerst verzahnt, und der Chorsatz ist bis zur Zehnstimmigkeit aufgefächert. Wegen der Vielstimmigkeit liegt auf weniger Sängern mehr Verantwortung, und sie müssen in der komplizierten Akustik der Stadtkirche zurechtkommen.

Stellen Sie sich vor, man kommt als Zuhörer ohne Vorkenntnisse zum Konzert. Worauf sollte man unbedingt achten?

Volgmann: Auch wenn das Stück alt ist – es wurde 1610 komponiert – ist es sehr sinnlich. Die Zuhörer können sich auf virtuose Gesangskunst und außergewöhnliche Klangfarben von Zinken, Posaunen, historischen Streich- und Tasteninstrumenten freuen.

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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