Fragen und Antworten zum Ausgang der Bürgermeisterwahl

Der große Wahlerfolg von Stefan Pinhard in Schwalmstadt hatte System

+
Erwartungsfroh am Wahlabend: Stefan Pinhard weiß schon bald nach Beginn der Auszählung, dass es für ihn mit dem Wahlsieg klappen kann, rechts seine Ehefrau Ilona.

Schwalmstadt. Mit über 56 Prozent hat Stefan Pinhard die Bürgermeisterwahl in Schwalmstadt gewonnen. Das Ergebnis hat - auch in der Deutlichkeit - viele überrascht. Eine Analyse.

Der amtierende Vertreter des Bürgermeisters Detlef Schwierzeck (60, SPD) verlor gegenüber der Hauptwahl vor drei Wochen über 150 Stimmen und musste sich mit knapp 44 Prozent geschlagen geben. Er will nun seinen Posten als Erster Stadtrat aufgeben, obwohl er bei der Kommunalwahl im Frühjahr große Zustimmung erfahren hatte.

Ein Blick auf den Wahlkampf und den Ausgang der Wahl:

Wie erlangte Einzelkämpfer Stefan Pinhard das überragende Ergebnis?

Der Finanz- und Verwaltungsfachmann Pinhard (48, parteilos) ist als in Treysa Aufgewachsener seit Langem ein aufmerksamer Beobachter der Lage in Schwalmstadt. Er hat nach seiner Niederlage bei der Wahl vor vier Jahren, als er nur 15 Prozent erreichte, nicht aufgehört, an eine neue Chance zu glauben. Schon im Juni warf er selbstbewusst und mit einer ausgefeilten Strategie seinen Hut in den Ring, während sein erster Kontrahent, der bürgerliche Frank Pfau, von seinen Unterstützern in quasi letzter Minute präsentiert wurde. Immer wieder war zu hören, dass man sich in den Fraktionen von CDU, FWG und FDP über die Personalie Pfau eben nicht so einig war, wie es nach außen hin dargestellt wurde. Daraus sog Pinhard seinen ersten, grundlegenden Erfolg, das Erreichen der Stichwahl.

War für den lange in Frankfurt/M. lebenden Pinhard eine solche Zustimmung absehbar? 

In dieser Ausprägung für die wenigsten, Pinhard konnte aber viel mehr Sympathisanten mobilisieren als Schwierzeck, der sogar 154 Stimmen gegenüber dem ersten Wahlgang einbüßte. Pinhard hingegen gaben am Sonntag 1493 Wähler mehr ihre Stimme als vor drei Wochen. Das ist allerdings immer noch weniger als Frank Pfau (FDP) am 25. September erreichte (1948 Stimmen). Rechnerisch verweigerten also über 450 Unterstützer des bürgerlichen Lagers die Stimmabgabe bzw. wollten Pinhard nicht. Im Endeffekt hat die sehr schwache Beteiligung Pinhard den Sieg in dieser Deutlichkeit gebracht.

Warum erhielt der erfahrene und bekannte Kandidat Detlef Schwierzeck das schwache Ergebnis? 

Der Sozialdemokrat erreichte gegenüber dem Unabhängigen nur in gut einer Handvoll Wahlbezirke eine Mehrheit, darunter SPD-Hochburgen. In seiner Heimatstadt Treysa war sein Ergebnis mit 42 Prozent noch schlechter als im Mittel, in Ziegenhain votierten über 61 Prozent für den parteilosen Pinhard - bei der desaströsen Wahlbeteiligung von nicht einmal 28 Prozent in der Festungsstadt (ohne Briefwahl). Für die Schwalmstädter Sozialdemokratie ist das eine krachende Ohrfeige.

Sie war sich zu sicher, dass die Wähler am soliden Arbeiter im Rathaus nicht vorbei können oder keine Experimente wagen würden. Sie verkannten, dass die Schwalmstädter schon vor vier Jahren grundsätzlich die sozialdemokratische Führung abgewählt haben, als der sehr profilierte Jurist Dr. Fabio Longo durchfiel.

Wie hat Stefan Pinhard so effizient gepunktet? 

Er hat die für Schwalmstadt schmerzhaftesten Themen in einem sehr emsig geführten Wahlkampf besetzt: gigantische Verschuldung, Kostenproblem Kinderbetreuung, den bedenklichen Zustand des Freibades Ziegenhain, alles, ohne eigentlich sehr viel zu versprechen. Vor allem seine proklamierte Unabhängigkeit und sein Fachwissen haben gegenüber den parteigebundenen Kandidaten verfangen, viele erhoffen sich einen echten Neubeginn mit einem eher jüngeren Chef, wollen eine Zerschlagung von mutmaßlichen Seilschaften. Sein Sieg ist vor allem der Ausdruck von Unzufriedenheit mit den Amtsvorgängern, und er entspricht wohl auch dem aktuellen Zeitgeist.

Warum war die Wahlbeteiligung so schlecht? 

Zum einen ist es die Unzufriedenheit vieler Schwalmstädter vor allem beim Thema Gebühren und Steuern. Aber bei Weitem nicht alle, die den eingearbeiteten Kandidaten Schwierzeck nicht bestätigen wollten, wollten den nahezu unbekannten Pinhard wählen, sie blieben zu Hause. Letztlich hat der neue Mann eine tatsächliche Zustimmung von gut 25 Prozent der Bürger. Nicht nur diese sind gespannt, ob und was sich ändert - so einer der Wahlslogans von Pinhard.

Was kann Bürgermeister Stefan Pinhard ändern? 

Die wichtigen Entscheidungen fällt immer das Stadtparlament, aktuell steht wenig an, das grundsätzlich zu ändern wäre. Man ist gespannt, ob es unter Pinhard bald die lang diskutierte Organisationsüberprüfung der Verwaltung geben wird. Über ihn selbst und seinen Führungsstil ist wenig bekannt, am Sonntagabend stand er ein wenig in sich gekehrt mit seiner Frau im Rathaussaal, hatte keine persönlichen Begleiter um sich. Alle sind jetzt mehr oder minder neugierig, wie er sich einführt und was er mit dem angekündigten „neuen Politikstil“ meint.

Mehr in unserer gedruckten Ausgabe.

Quelle: HNA

Mehr zum Thema

Kommentare