Am Waberner Karlshof wurde historisches Pflaster aus dem Jahr 1857 freigelegt

Als der Großherzog zu Gast war

Schatz unter dem Kies: Auf dem Gelände des Karlshofs Wabern trat altes Pflaster zutage. Foto: Schattner

Wabern. Das historische Pflaster, das Ende vergangener Woche auf der Westseite des Hauptgebäudes zu Tage kam, trägt eine spannende Geschichte in sich.

Im Jahr 1857 wollte sich Großherzog Ludwig III. von Hessen-Darmstadt einen lang gehegten Wunsch erfüllen. Da er ein großer Freund von Ölgemälden war, interessierte er sich besonders für die Portraitsammlung der landgräflich-kurhessischen Herrscher. Folglich wandte er sich während seines Besuches in Kassel an Kurfürst Wilhelm mit der Bitte, jene, die sich unter den 500 Gemälden im Waberner Karlshof befanden, besichtigen zu können. Am nächsten Tag wollte der Großherzog deshalb das Waberner Schloss besichtigen.

Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt befand sich die Pflasterung des geräumigen Schlosshofes in einem katastrophalen Zustand. Das schadhaft gewordene Pflaster war fast vollständig aufgerissen. So konnte ein solch hoher Gast nicht empfangen werden. Kurfürst Wilhelm musste eine schnelle Entscheidung treffen: Sofort schickte er 100 Pflasterer mit der Main-Weser-Bahn von Kassel nach Wabern.

Schon bald nach ihrer Ankunft begannen sie dort mit ihrer Arbeit. Bei Laternen- und Fackelschein beendeten sie ihre Arbeit spät in der Nacht. Am nächsten Morgen erschien das schönste Pflaster vorm Waberner Schloss, wie von Zauberhand geschaffen. Das war kein Vergleich mehr zum Zustand vor ihrer Ankunft, schließlich sah es tags zuvor noch wie eine Sandwüste aus.

Gegen Mittag traf der Großherzog aus Südhessen ein, Kurfürst Wilhelm war schon etwas früher nach Wabern gereist. Er begrüßte seinen Gast wie immer sehr freundlich. Anschließend wurde nun Ludwig fürstlich und standesgemäß bewirtet, da das Küchen- und Dienerpersonal schon am vorhergehenden Tag von Kassel aus alles Notwendige in die Wege geleitet und vor Ort in Wabern vorbereitet hatte.

Alles war fürstlich

Nicht nur alle notwendigen Tafelaccessoires, sondern auch die Silberbestecke und so weiter waren jetzt vor Ort. Auch das viele Jahre unbewohnte Gebäude war festlich hergerichtet worden, schließlich musste alles für ein Treffen unter Fürsten standesgemäß arrangiert sein.

Als Ludwig III. ein Jahr später der Vorfall in Wabern berichtet wurde, sagte er lachend: „Ja, ja, das hat mir der Kurfürst selbst damals erzählt, damit hat er ein Meisterstück gemacht.“

Bleibt aber die Frage, ob dieses Pflaster nicht erhalten und konserviert werden sollte, statt es im Verlauf der nächsten Woche wieder mit Kies zu zuschütten? Wabern wäre reicher an einem Stück Geschichte.

Von Thomas Schattner

Quelle: HNA

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