Er ist der Notarzt für Puppen und Teddybären

+
Ein Ersatzarm für die Puppe: Günter Geier operiert seine Patienten mit Schere, Pinzette und Feile. Das Handwerk hat der 71-Jährige gelernt.

Melsungen. Er flickt ausgeleierte Plastikarme und heilt Seelen: Günter Geier nennt sich Doktor für Puppen und Teddybären. Tatsächlich aber verarztet er Menschen, deren Erinnerungsstücke an die Kindheit abgebrochen, ausgeleiert, oder eingerostet sind.

Sein Praxis-Inventar hat Geier heute ins Melsunger Ibis-Hotel gehievt. Umzugskisten mit hunderten Zelluloid-Körpern, Puppenaugen in allen Farben sowie Stimmorganen für Teddybären schmiegen sich aneinander. „Ich habe alles da“, sagt Günter Geier. Mit allem im Gepäck zieht er von Ort zu Ort, quer durch die Republik und durch Österreich.

Geier ist 71 Jahre alt und hat in 51 Jahren tausende Puppen geheilt. Einmal hat er angekündigt, sich zur Ruhe zu setzen. Doch Plastiktüten voller kranker Puppen ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Nun ist er wieder da, zum letzten Mal, wie er sagt, und seine Kunden kommen – mit Plastiktüten voller Patienten. Meist kommen Frauen zwischen 40 und 70. Seltener Kinder.

„Die haben so viele Puppen und Stofftiere – wenn eins kaputt geht, spielen sie mit dem nächsten“, brummt er. Eine dieser Frauen zwischen 40 und 70 steht an diesem Morgen mit zwei Puppen in seiner Praxis. Seit Jahren, erzählt sie, haben die Erinnerungen an ihre Kindheit einen Ehrenplatz am Sofa. „Was fehlt ihnen denn?“, fragt Geier. Die Arme sind lose, seufzt die Frau. Günter Geier braucht nicht lange, um die Diagnose zu stellen: „Altersschwäche“, sagt er, „die brauchen neue Bänder“.

Er schneidet ein Stück Gummiband von einer riesigen Rolle ab, wie man sie nur im Großhandel bekommen kann. Er zieht das Band durch den kleinen Körper und verknotet es an den Schultern. „Damals hatte ich zwei linke Hände“, sagt Geier , „jetzt habe ich mehr Gefühl.“ Wenn Günter Geier über damals spricht, dann brummt er nicht. Dann hebt er seine Stimme. Er erzählt von den wunderbaren Puppen, mit denen seine Schwestern spielten. Er erinnert sich an die Zeit, in der er nicht einer der letzten Puppendoktoren war. Und schließlich, als er an Zeiten denkt, die noch nicht Jahrzehnte hinter ihm liegen, fällt ihm eine Kundin ein.

Es ist eine Kundin, die ihm immer in Erinnerungen bleiben wird. Sie stützte sich auf einen Stock, wahrscheinlich war sie über 80, als sie ihm ihre Puppe brachte. Lisa hatte einen aufgeschlitzten Bauch. Russische Soldaten, erzählte die Frau, hatten sie in ihrer Gier nach verstecktem Geld im zweiten Weltkrieg massakriert. Als Günter Geier Lisa heilte, heilte er auch seine Kundin: „An manchen Puppen hängt ein ganzes Leben.“ Termine: Auch am heutigen Donnerstag und am Freitag hält Günter Geier in Melsungen Sprechstunde. Seine Praxis im Ibis-Hotel öffnet von 9 bis 18 Uhr.

Von Pia Schleichert

Quelle: HNA

Kommentare